Danach hatte es noch am Donnerstag nicht ausgesehen: Mit drei fehlerfreien Runden geht die deutsche Mannschaft mit 76,1 Zählern als Führende in das abschließende Springen und Michael Jung behält seine Spitzenposition. Die USA liegen mit 77,4 Zählern derzeit auf Silberposition und Großbritannien zielt auf den Bronzeplatz (80,9), nachdem einem Einspruch wegen einer „missed flag“ für Tom McEwen/Toledo de Kerser stattgegeben worden ist. Michael Jung (18.8) hat einen Springfehler Vorsprung vor der britischen Einzelreiterin Yasmin Ingham/ Banzai du Loir (23.2) und der US-Amerikanerin Tamra Smith/Mai Baum (24.0).
Volle Anspannung bei den Rothemden vor den Monitoren im Reiterzelt
Christoph Wahler erfüllte seine Rolle als Pfadfinder, erster für das Team und wie in der Dressur als allererster Starter raus ins Ungewisse bestens: fehlerfrei, aber 24 Sekunden über die Zeit. „Ich hatte alles gut geplant, aber konnte nicht alles umsetzen.“ Der Kurs lag ihm genauso wenig wie seinem mächtig galoppierenden Schimmel Carjatan. Wahler: „Mein Pferd will immer alles richtig machen, aber seine Stärke ist das Flüssigere. In Luhmühlen fliegt er nur so.“ Wie sich der Steilhang anfühlt? „Du springst den Baum und zwei oder drei Sekunden später bist Du unten.“ Aha. Er hatte den Schimmel gut in der Hand, aber das Aus-dem-Fluß-nehmen war anstrengend „und die enge Distanz zieht Kraft“. Gut gemeistert haben die beiden das Wasser, das in diesem WM-Kurs von Pratoni erst ungewohnt spät kommt. Wahlers Abschluss-Kommentar: „Wenn ich heute Abend immer noch das Streichergebnis bin, dann bin ich sehr zufrieden und wir gehen alle glücklich ins Bett.“ So kommt es nun ja wohl auch.

Sandra Auffarth hat voll umgesetzt, was Wahler der Weltmeisterin von 2014 noch an Tipps geben konnte: an den Hängen ins Pferd hineinhorchen und dann auf der Ebene Speed fordern: ohne Fehler und in der Zeit. Sie hatte sogar noch drei Sekunden übrig und rangiert nun mit 31.3 Zählern auf Platz 14. „Es ist mir gelungen, hier die Balance zu finden.“ Es sah leicht und locker aus als die beiden alles umsetzen konnten, was sie sich vorgenommen hatten. Einmal hat sie ihren Plan geändert und am Coffin den mittleren Weg gewählt, nachdem die Scouts bis dahin schon einige Auslöser an dem dortigen MIM-Sprung gemeldet hatten. Der Erfolg aus Aachen habe ihr Vertrauen gegeben und die vielen deutschen Fans am Rand der Strecke, die lautstark unterstützten. „Das hier ist doch etwas anderes im Vergleich mit Tokio.“ Ihre Ansage an den Rest der Truppe: „Wir sind zurück im Spiel und werden kämpfen.“
Das hat ihre Reisegefährtin auf der Lkw-Fahrt nach Italien, die Olympiasiegerin Julia Krajewski, voll umgesetzt. Fehlerfrei und sogar noch sechs Sekunden unter der Zeit und demnach weiter auf dem Dressurergebnis von 26 Punkten und Platz 5 als Zwischenergebnis. Daneben hätte sie auch den Stilpreis des Tages verdient. „Ich hatte schon an Sprung 3 das Gefühl: das läuft und Mandy hat’s im Griff. “ Alle Minutenpunkte gut getroffen, einmal nach dem zweiten Wasser sei die Stute etwas müder erschienen. „Aber dann wurde der Galopp wieder länger und sie macht Meter. Dabei kriege ich sie aber immer sofort wieder gut zurück.“ Krajewski konnte gar nicht aufhören mit dem Lob für ihre Stute. „Ich bin der größte Fan von meinem Pferd.“ Besonders beeindruckend war die Passage an der „Rutsche“, der Abhang von Hindernis 7: Hand dran ohne zu ziehen, kontrollierter Galopp mit dem Gewicht gut auf der Hinterhand. „Das mache ich auch zu Haue. Ich übe das Überstreichen beim bergab.“
Anspannung weil die Prüfung vor Jungs Start unterbrochen ist
Kunst kommt von Können. Das demonstrierte Michael Jung in gewohnt souveräner Weise: fehlerfrei und mit 9 Sekunden „zum Verschenken“. Ungeachtet seiner vorherigen Kritik am Kurs managte er fischerChipmunk FRH mit seinem großen Galoppsprung bestens auch durch die engen Stellen. „Dieses Pferd ist unglaublich, mit seiner Luft, wie er galoppiert, kämpft.“ Einen „silly moment“ gab er zu: „Am letzten Wasser hätte ich es besser machen können, aber er hat super mitgedacht.“

Heil und Null im Ziel: Freude im Team Jung
Gut geschlagen hat sich Alina Dibowski als Einzelreiterin mit Barbados. Das Bergtraining in der Heide, in Oldendorf und Sahrendorf und zum Abschluss in Bonn-Rodderberg hat sich ausgezahlt. „Er war deutlich fitter als noch in Haras und war noch mitten auf der Strecke voller Saft.“ Wegen einer „missed flag“ am Coffin Nr. 19 schlugen 15 Punkte zu Buche und vor dem Springen rangiert sie mit 48.4 Punkten auf Platz 43.
Super zufrieden war der neue Bundestrainer Peter Thomsen, der Pratoni auch noch als aktiver Reiter kennengelernt hat: „Alle sind brillant geritten, die Pferde brillant gegangen. Aber wir haben noch zwei Teilprüfungen vor uns, die Verfassung und das Springen. Morgen Abend wissen wir mehr.“
Favoritensterben:
Laura Collett (GBR), nach der Dressur zweite, verpasste an der Rutsche den letzten Sprung und musste damit den Umweg über das weit entfernte Element C nehmen. Damit wurden aus ihren 19.3 Dressur-Punkten 58.1 „Miese“ und Platz 48.
Vor jeder Jagdsaison sagen wir: Zügel und Bügelriemen kontrollieren. Das hat der Australier Kevin McNab - 9. nach der Dressur - offenbar nicht gehört. Zwischen A und B an Hindernis 16 riss ihm der Zügel, direkt am Gebiss, und er brauchte eine Minute bis er den Rest am Backenstück der Trense festgeknotet hatte, um weiter zu reiten. Im Ziel war er schließlich 1:02 über der Zeit. Das hätte also ohne diesen Zwischenfall noch bequem gereicht und ihm auch das Überqueren seiner eigenen Linie und damit 20 Punkte erspart. Platz 56. Das australische Team rutschte damit runter auf Platz 10, auch weil Andrew Hoy zwei Vorbeiläufer zu verzeichnen hatte.
Der Cross Country Tag in der Statistik:
Von 88 Startern sind elf ohne Fehler in der Zeit geblieben. Drei Reiter gaben auf, dreizehn sind ausgeschieden, davon sieben nach einem Sturz, Nicholas Touzaint (Frankreich) und Carlos Dias Fernandez (Spanien) mit Verletzungen, aber ohne gravierende Folgen. Ärgerlich der Abgang von Lara de Liederkerke (Belgien) am ersten Hindernis.
Die Verfassungsprüfung am Sonntag beginnt um 9 Uhr. Um 11.30 Uhr geht der erste Reiter in den Springparcours. Die besten 25 Paare satteln für 14.30 Uhr.
Alle Ergebnisse unter rechenstelle.de
Text und Bilder: Petra Schlemm