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Die sieben Regeln des Aidan O'Connell

Michael Jung, William Fox-Pitt, Andrew Nicholson, Thibaut Vallette - egal welche Nationalität,  alle diese erfolgreichen Reiter folgen einer Reihe landesunabhängiger Regeln, die sowohl ihre Sicherheit als auch ihre Erfolgschancen erhöhen. „It’s always the same,“ es ist immer dasselbe. Das war auch einer der Leitsätze Aiden O’Connells. Dieser hielt jetzt den achten Lehrgang auf der Anlage des Brunnenhofes in Enneptal. Und das mit wiederum sehr großem Erfolg.

Von München bis Hamburg  reisten die Teilnehmer an, um von ihm lernen zu können. Am Donnerstag saßen schon die ersten beim Abendessen im örtlichen Hotel Fritz zusammen und die ersten Bekanntschaft wurden geschlossen. Gespannt lauschten die Gäste O’Connells Anekdoten, bei sprachlichen Missverständnissen half man sich gegenseitig.
Freitag Früh trafen sich alle kurz im gemütlichen Stübchen des Brunnenhofes für die organisatorischen Dinge, danach ging es gleich auf die Geländestrecke. Für die erste Stunde gab O’Connell viel Stoff zum Nachdenken – er erläuterte genau diese wichtigen Regeln, die auch die Profis beherzigen:



„Keep down your hands any time,“ halte deine Hände jederzeit tief und vor allem auch zusammen. Denn sie schützen Zähne und Genick, falls das Pferd sein Gleichgewicht verliert und strauchelt. Außerdem sollten Absatz, Knie und die Schultern eine Linie bilden. Ist das nicht der Fall, sitzt der Reiter meistens über den Schwerpunkt hinaus und das bedeutet „bye bye time for everyone“.

Auch die Augen des Pferdes spielen eine große Rolle. „The horse has to see the fence“, also lass dem Pferd die Möglichkeit zum Hindernis sehen zu können. Vor dem Sprung werden die Zügel nicht mehr nachgefasst und auf keinem Fall wird an den Zügeln gezogen. Denn die letzten Meter zum Sprung gehören dem Pferd; „Let the horse do its job“, lass das Pferd seine Aufgabe erledigen.

Unterschätzt wird die Notwendigkeit beim Anreiten geradeaus über das Hindernis und nicht hinein  zu blicken. „Look and ride straight away.“ Ein Auserwählter aus dem Publikum wurde zum „reference point“ und zeugte den Reitern hinter dem Sprung die Stelle, die anzuvisieren war. Schon mit dieser geraden Position der Augen hilft man dem Pferd eine ebenfalls gerade Anreitlinie zu finden, damit es seine maximale Kraft für den Absprung nutzen kann. Auch kennt jeder den berühmten Satz: „If you look down, you’ll fall down.“, also wenn du runterschaust, fällst du runter.

Die vierte Regel lautet: „Never grip with the knee“, nicht mit den Knien klemmen. Die Beine, genauer  die Waden, sind für das Gleichgewicht essentiell und halten den Reiter in der Balance. Verliert er das Gleichgewicht, weil er beispielsweise mit den Knien klemmt und dadurch nicht mehr elastisch den Bewegungen des Pferdes folgen kann, wird das Pferd ebenfalls in seinem Gleichgewicht gestört. Das schafft ein erhöhtes Sicherheitsrisiko.



Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Zügel aus der Hand gleiten lassen,  „let the reins slip“. Das Pferd zeigt dem Reiter wann und wie viel Zügel notwendig ist und das muss dieser ihm auch zugestehen.

Obwohl die Beine des Reiters einerseits als das „Gaspedal“ gelten, müssen sie immer ruhig am Pferd anliegen und als Unterstützung dienen. Besonders auf dem Weg zu einem Hindernis sind sie dabei sehr gefordert. Die Gerte kann, wenn nötig, die Impulse verstärken.

Auch erklärt wurden die fünf Phasen des Sprungs: „Coming in“(Anreiten) „Taking off“ (Absprung), „The flight“ (Flug), „The landing in balance“ (Landen in der Balance) und „Going on“ (Weiterreiten). In jeder Phase müssen Reiter und Pferd ihrer Aufgaben bewusst sein und diese präzise ausüben können.

Diese sieben Regeln bildeten die Grundbausteine für den gesamten Kurs und sollten in den nächsten Stunden und Tagen gleich umgesetzt werden.
Anfangs sollten die Teilnehmer der ersten Gruppe nur über einen kleinen Baumstamm springen, damit sich O’Connell einen allgemeinen Überblick verschaffen konnte. Dann sollte man nach und nach versuchen die erlernten Regeln zu verinnerlichen und auszuführen. Die zweite Gruppe bestand zumeist aus Wiederholern der früheren Kurse, somit wurden hier schon gleich etwas größere  Hindernisse abgefragt.
Nachmittags wurden die Wassersprünge ins Visier genommen. Jeder Teilnehmer konnte hier stets selbst entscheiden ob er gerne springen möchte. O’Connell baute die Stunden sicher und zielgerichtet auf, sodass man am Ende einen schmalen Sprung ins Wasser und zwei darauffolgende Wassersprünge auf einer Halbkreislinie reiten konnte. Mit seiner energischen Stimme korrigierte er seine Schüler, immer auf die 7 Regeln bedacht.
Im Reitstübchen wurden die Reiter fleißig von Angelika Moors-Ulbricht mit leckerem Essen und kühlen Getränken versorgt. Auch in den Pausen war O’Connell nicht untätig: er zeigte und erläuterte  den Reiter verschiedene Bilder von Springreitern und „Cross Country“-Reitern . Dabei veranschaulichte er die Unterschiede in den Reitweisen, erneut betonte er die wichtige Bedeutung der 7 Regeln und liess seine Schüler Fehler suchen. Dass selbst die Champions Fehler machen ist ja nichts Neues. Interessant waren dabei aber die Fotos, die die Lösung des Problems zeigten. Wie zum Beispiel eine Serienaufnahme von William Fox Pit: sein Pferd sprang nicht über einen Tisch, sondern auf ihn und verlor dabei sein Gleichgewicht. Es war erstaunlich, dass er und sein Pferd durch das Beachten der sieben Regeln das Problem sicher lösen konnten und die Strecke als Sieger beendeten.
Abends wurde beim Essen ausgelassen gelacht und die ersten Eindrücke über den erfolgreichen Start ausgetauscht.


Am nächsten Morgen stand der Billiardtisch auf dem Plan. Angefangen bei der kleinsten Stufe  erarbeiteten sich die Reiter den gesamten Tisch, bis hin zu mehreren Stufen auf einmal. Vor allem wurde auf den „safety seat“, den sicheren Sitz im Gelände, und auf die notwendige Zügellänge beim Bergabspringen geachtet. Nach einer ausgiebigen Mittagspause baute die zweite Stunde auf der vorherigen auf. Der Billardtisch bekam ein paar „Updates“, die der Gymnastizierung  des Pferdes dienen und dem Reiter Rhythmusgefühl vermitteln sollten. Stück für Stück wurde der Billardtisch mit Cavalettis erweitert, sodass zum Schluss eines davor, drei darauf und eins direkt dahinter platziert wurden. Auf die Frage hin, wie man reagieren sollte, falls das Pferd ein Cavaletti und eine Stufe zusammen springen würde, antwortete O’Connell lediglich: „She wouldn’t do that. Otherwise let the reins slip.“ (Sie würde das nicht machen. Ansonsten lass einfach die Zügel gleiten.)
Abends wurde draußen gegrillt. Alle ließen sich die leckeren Steaks schmecken und saßen bis in die Nacht zusammen.
Der letzte Tag begann mit einer großen Vielfalt an Sprüngen: Von Heuraufen über schmale Baumstämme bis hin zum Eulenloch war alles dabei. Auch die anfänglichen Probleme beim Trakehnergraben wurden zusammen mit  Aidan durch „drüberlongieren“ gelöst. Zur Krönung  wurde diese großartige Stunde mit einem etwas höherem Bergabsprung ins Wasser und einem Heckensprung beendet. Nach dieser Vormittagsstunde hatte fast jeder Reiter ein Glitzern in den Augen. Die letzte Einheit am Nachmittag fand zusammen in einer gemeinsamen Gruppe statt. Gruppengalopp, das Thema richtiges Equipment und Fragen schlossen diesen fantastischen Lehrgang. Zum Abschied nahmen alle Reiter neugewonnenen Mut, eine gehörige Portion Motivation und ein breites Lächeln mit nach Hause.

Text: Alessandra Pflaum und Bilder: Thomas Jansen