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Nachhaltig - auch ohne eigene Hunde

Ein Novum mit Erkenntnisgewinn: Zum ersten Mal fand die Jahrestagung der Jagdreiter in der Deutschen Schleppjagdvereinigung nicht bei einem Meutehalter statt. Stattdessen trafen sich 120 Anhänger des Sport in Rot aus ganz Deutschland bei einem Schleppjagdverein. Das Fazit nach einem intensiven Wochenende im Unteren Spreewald: Es geht auch ohne eigene Hunde – wenn so viel Begeisterung für gutes Schleppjagd-Reiten freigesetzt wird wie beim Brandenburger Hunting Club.

„Familiär und fair“ ist das Firmenzeichen dieser ganz besonderen Konstellation im Gestüt am Pichersee in Köthen/Groß Wasserburg, wo vielseitiger Sport für vielseitig interessierte Menschen im Mittelpunkt steht. Dort werden Schleppjagd und Eventing eng verzahnt. Geländereiter sollen vielseitig werden und Eventer die Schleppjagd entdecken. Für neun Jagden pro Jahr werden verschiedene Meuten eingeladen, und hochkarätige Ausbilder gestalten Lehrgänge für Dressur, Springen, Gelände und Rittigkeit. Der prominenteste Trainer ist Uwe Plank, der die DDR bei zwei Olympischen Spielen, in Mexiko 1968 und in München vertreten hat. Er führt die Reitanlage des Gestüts, das seit fünfzehn Jahren vier Ehepaaren gehört, die alle verwandt oder verschwägert sind. Als Großfamilie Hoffmann-Bröcker-Braun-Duft mit neun Erwachsenen und ebenso vielen Kindern sind sie der Kern des BHC mit  einhundert Mitgliedern. Im Vorjahr stemmte dieses Team unter anderem ein Vielseitigkeitsturnier mit 380 Starts auf der sehenswerten neuen Geländestrecke um eine Orchideenwiese im Biosphärenreservat.



Dass Wenige mit Engagement und Initiative Vieles und Nachhaltiges auf die Beine stellen können, das erlebten auch die Tagungsgäste der DSJV. Clubmaster Andreas Hoffmann und der BHC-Präsident Dr. Ulrich Schröder hatten mit ihrem Team ein vielseitiges Programm entwickelt, das eindrücklich Nachwuchsförderung und Jugendarbeit als Alleinstellungsmerkmal des Hunting Clubs zeigte. Bei einem Gruppengeländeritt zum Auftakt demonstrierten junge Reiter vorbildlich kontrolliertes Reiten mit Tetenwechsel und paarweisem Springen in vorgegebenem Tempo.  Der mehrfache VS-Landesmeister Harald Fechner (u.a. mit dem Trakehner Octavio, Vater von zwei Pferden bei der Vorführung) hatte die Reiter vorbereitet. Dr. Kajo Busch – Professor für Lebensmitteltechnik und S-Dressur-Reiter und Trainer präsentierte die Rittigkeits-Vorführung, die turniermäßig ablief - inklusive Parcoursskizzen und generalstabsmäßigem walkie talkie-Einsatz.


Für die Meutevorführung war Thorsten Mönchmeyer mit der Böhmer Harrier Meute aus Niedersachsen eingeladen. Sein Vater Hinrich hat für den Brandenburger Hunting Club lange „Brandenburger Bracken“ aus Beagles und Petite Francais Tricolore gekreuzt und als Meute geführt. Jetzt bedient der Sohn mit seinen eigenen Harrier-Hunden viele Termine des BHC. Schon das Warmlaufen der Meute war ein akustisches Gänsehaut-Erlebnis. Noch bevor die Zuschauer die Hunde sehen konnten, tönte aus der Ferne ihr tiefes Geläut über die welligen Hügel am See. Genüsslich nahm die Schleppenführung jede Schwierigkeit des Geländes mit, einschließlich der letzten Linie unmittelbar entlang der Zuschauer mit Kind und Kegel, pardon: zahlreichen Privathunden. Zwei junge Reiter des BHC verstärkten die Böhmer Equipage bei dieser rundum gelungenen Schau-Vorführung, die auch den erfahrenen Meuteführern im Publikum Respekt abnötigte.



Wie aus einer Bilderstrecke in „Country Life“ präsentierte sich das Gestüt in der Frühlingssonne. Schon bei dem Spaziergang aus der Geländestrecke durch den Wald am See entlang schimmert das Haus des letzten DDR-Außenministers Oskar Fischer am Gegenhang. Aus dem Bruthaus des vormaligen Entenmast-Betriebs ist ein schmuckes Gästehaus geworden. Das ehemalige Forsthaus ist ebenso zurückhaltend modernisiert wie die Remise und das Waldhaus. Dort verbringen die Berliner Familien ihre arbeitsfreien Wochenenden mit anstrengenden Hand- und Spanndiensten für die gute Sache des Pferdesports. „Ich wollte schon immer mal Anne Will sein“, bekannte Nicole Duft und präsentierte wie die TV-Moderatorin eine Talk-Runde zu Geschichte und Gegenwart des Gestüts. Ihre Gesprächspartner auf dem Podium am See sind Uwe Plank, der BHC-Gründer  Bernd Schiel, der nach dem Mauerfall  das Gestüt entdeckt und 1991 erworben hat und Dr. Ulrike Bröcker als Geschäftsführerin des Gestüts mit seiner sportlichen Ausrichtung. Plank hat seit 1980 das Gestüt geleitet und verrät Interna aus dem ehemaligen Diplomaten-Reitstall der DDR. „Günter Gaus (der Ständige Vertreter der Bundesrepublik) war ein recht guter Reiter, Bräutigam eher nicht so. Am besten waren die Franzosen.“  Jagdreiten hinter einer Hundemeute passte nicht in das Weltbild der DDR, und nach 60 Jahren ohne Hunde war es ein entsprechend schweres Stück Arbeit für Bernd Schiel und seine Weggefährten, den Nachbarn in Köthen die Schleppjagd und schließlich eine BHC-Meute nahe zu bringen. „Das hat viele Flaschen Sekt und Überzeugungsarbeit gekostet.“ Heute gehören 70 Hektar Eigen- und Pachtland zu dem Gestüt. Über zehn Jahre veranstaltete der BHC Wettbewerbe um einen VS-Cup für junge Reiter und Pferde, um mehr Jagdreiter zu gewinnen. Heute haben die Jagden in Brandenburg wieder einen geschichtsträchtigen Hintergrund, wie die Schlösser in Rheinsberg, Diedersdorf oder Neuhardenberg. Dreimal wurde die „Luisen-Jagd“ am Potsdamer Neuen Palais in Sanssoucis geritten bis die bürokratischen Hindernisse schließlich zu kompliziert wurden.



Völlig unkompliziert ist dagegen die Jugendarbeit Dafür sorgen schon die gut in Berlin vernetzten Kinder der BHC-Familien. Auch nichtreitende Schulfreunde kommen gerne mit nach Köthen, wo man mehr in die Hand nimmt als ein Mobiltelefon zum Daddeln. „Gechillt“ wird erst am Abend, wenn das Lagerfeuer brennt und wieder ein neues Hindernis fertig geworden ist. Dann wird diskutiert über „Gott und die Welt“ und musiziert, ganz händisch und ohne Verstärker.



Für die Tagung sind die Usedomer Jagdhornbläser angereist. Unter Leitung der Gilde-Vorsitzenden Daniela Heuer blasen sie bei der Schauschleppe und bieten mit einer konzertanten Einlage einen unvergesslichen Auftritt auf einem Floß im See. Prominente Neuzugänge dabei sind Gabriel Rodenberg und Detlef Neumann, Master und Vize der Mecklenburger Meute. Aber es geht noch besser: Den emotionalen Höhepunkt der sonnigen Mittagsstunden am Pichersee bietet die junge Clara Guldimann. Mitten auf dem Dressurplatz direkt am Seeufer spielt sie auf der Bratsche, die sonst im Berliner Landesjugendorchester erklingt, die „hommage aux piqueux“. Die Noten hat ihr Daniela Heuer kurz zuvor noch schnell zugefaxt. Die Zuhörer sehen förmlich, wie die silbernen Töne hochsteigen und über den See entschweben. 

 
 
Musik und Jagdreiten – das geht im BHC ganz besonders gut zusammen. Unter dem Dirigat des Kirchenmusikers Gottfried Heim ließ sich ein BHC-Chor hören beim Festabend im Tagungshotel „Seinerzeit“ in Schlepzig. Der Präsident als Leadsänger: „Drei Meter, zwei Meter, ein Meter – Sprung. Ran da. Ran da. Wir wollen nach Haus….“  Der Clubmaster Andreas Hoffmann hat den Harry Belafonte-Song vom Banana Boat umgeschrieben für „singende Meutehunde“ im Brandenburger Sand. Dichten können sie also auch noch beim BHC. „Unseren Chor kann man buchen und die play list wird noch erweitert“, sicherte er zu als der Applaus gar nicht aufhören wollte.   



Sachlich gearbeitet wurde auch bei dem Jagdreitertreffen in Brandenburg. Entspannt nach einer beschaulichen Kahnfahrt durch den Spreewald tagten die Master und Meuteführer zunächst intern, bevor am Sonntag im Rahmen der Mitgliederversammlung Bilanz gezogen wurde unter das vergangene Jahr. Maria Gillissen ist neu als Beirat in den Vorstand berufen. Sie nimmt den Platz des kürzlich verstorbenen Wilfried Ebel ein und wird das Zuchtbuch der DSJV zentralisieren und digitalisieren. Dieses gemeinsame Zuchtbuch der DSJV-Meuten ist eine der Voraussetzungen für eine assoziierte Mitgliedschaft in den beiden für die Schleppjagd wichtigen Dachverbänden, die jetzt nach jahrelanger Vorarbeit tatsächlich zugesichert worden ist. Die zweite Bedingung wird vom Jagdgebrauchshundeverband (JGHV) auferlegt. Verlangt wird eine Gebrauchsprüfung für die Junghunde, die alle zwei Jahre im Rahmen des Eignungstests jeder Meute abzulegen ist. Zuchtreferent Chris Gabrielse schafft dazu noch die organisatorischen Voraussetzungen.



Die Bedeutung einer Zugehörigkeit zu übergeordneten Organisationen unterstrich der Leiter des FN-Hauptstadtbüros, Bernhard Feßler. Seit zwei Jahren vertritt der schwäbelnde Jagdreiter aus Stuttgart die Sache des Pferdes in Berlin. Er berichtete von seiner Arbeit an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft, Presse und Gesellschaft. Aus seiner Erfahrung als Netzwerker betonte er: „Einzelmeinungen sind Einzelschicksale“, und er warnte besonders vor Skandalisierung durch die sogenannten Sozialen Medien. „Wir sind die analoge Antwort in einer digitalen Welt.“ Sein Ratschlag an die Reiter hinter den Meuten: „Sachkundig und authentisch sein und Begeisterung spüren lassen für unser Tun.“
Nach diesen Tagen der inhaltsreichen, freundschaftlichen Begegnungen mit dem BHC im Spreewald sollte das nicht schwer fallen.
Text: Petra Schlemm und Bilder: PS und Jean-Michel Feis.

Den BHC „in action“ kann man sehen in einem Film von Jean-Michel Feis. Das ist der link:
youtube.com/watch?v=8oVPplbkUig