Die Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter im schweizerischen Avenches hat begonnen. Bei strahlendem Sonnenschein absolvierte die erste Hälfte der insgesamt 67 Teilnehmer den ersten Dressurtag. Das deutsche Team hat sich am Donnerstag wacker geschlagen, mit dem „alten Kämpen“ Andreas Dibowski vorläufig auf Platz drei. Aber richtig gute Reiter kommen auch noch am Freitag – wer Streichergebnis wird, das zeigt sich dann.
In Führung liegen Nicola Wilson mit JL Dublin (20,9) und Piggy March mit Brookfield Inocent (23.3), beide Teamreiterinnen für Großbritannien. Und so sah es aus deutscher Sicht aus: Anna Siemer, geb. Junkmann (jawohl, richtig: der Vater Junkmann ist Erfinder der Jagdwoche auf Norderney), zum ersten Mal im Senioren Team für Deutschland (als Ponyreiterin hat sie schon Titel gewonnen), als Startreiterin für die Mannschaft eingeteilt und am Ende von Tag 1 auf Platz 17 mit der von Dr. Volker Steinkraus (HSJV) gezogenen Stute FRH Butts Avondale.
Nach ihrer Dressur: „Das Gelände dauert länger als die Dressur und das ist gut für mein Pferd.“ Aber zu ihrem Ergebnis 31,5: „Ich hätte mehr riskieren können. Sie war sehr brav da drinnen. Aber wenn wir uns am Sonntagabend über meine Dressurpunkte ärgern, dann haben wir alles richtig gemacht.“ Zu ihrer Position als erste Starterin: „Das ist prima. Ich kann das Gelände so reiten wie ich will. Sonst gucke ich mir Ingrid (Klimke) und Michi (Jung) an – alle anderen will ich gar nicht sehen. Und jetzt mache ich es eben genau so wie ich es mir denke.“ Beim Gelände ist ihre Marschrichtung klar: „Null und schnell, in der Zeit.“
Die Verschiebung des Auktionstermins auf dem Klosterhof Mehdingen hat sich gelohnt. (zumal das Spitzenpferd dort 360.000 Euro gebracht hat). Mit 26 Punkten lieferte Christoph Wahler, Schwager des Niedersachsen-Meutemasters Casimir von Schultzendorff, eine Top-Dressur ab. Der 27jährige ist als Einzelreiter unterwegs. Zu seiner Dressur und vorläufig Platz vier: „Ich bin schlecht zum ersten Wechsel gekommen. Das war teuer. Ales andere war wirklich gut. Ich hatte ein tolles Gefühl. Bei Carjatan weiß ich immer nach der Traversale, wie er drauf ist. Und heute war es sehr gut.“ Zu seiner Vorbereitung mit dem Schimmel: „Diese Aufgabe liegt dem Pferd nicht so sehr. Ich habe versucht, ihn ganz ruhig einzustellen. Normal brilliert er eher in den Verstärkungen. Davon gibt es hier nicht so viele.“ Zu den Aussichten auf das Gelände: „Es wird schwer. Es gibt sehr viele Richtungswechsel, unterschiedlichen Boden, wo die Pferde sehr gut auf den Füßen sein müssen. Viele Schwierigkeiten noch am Ende, wenn die Pferde vielleicht schon etwas müde sind, zumindest im Kopf. Aber die Hindernisse sind sehr schön im Design. Es wird wohl ein bißchen wie Gocart fahren, ein Richtungswechsel nach dem anderen.“ Über seine Nicht-Berufung in die Mannschaft:„Das war nicht meine Entscheidung. Ich kann hier schön für mich alleine reiten und die Mannschaft macht ihr Ding.“
Andreas Dibowski, (Döhle), mit sehr guten 25,6 Punkten in der Dressur und am Ende des ersten Tages auf Platz drei mit der bewährten Hannoveraner Stute FRH Corrida. „Sie war schon seit Tokio immer gut drauf und sehr entspannt, sowohl in der Arbeit als auch beim Transport. Heute passte alles, auch das Halten. Daran habe ich zu Hause mit Hilfe meiner Frau sehr gearbeitet.“
„Dibo“ schaut auf das Gelände mit einem Merksatz von Chris Bartle: „Nicht auf die Schwierigkeiten gucken sondern konzentrieren auf die Aufgaben, die man lösen muss. Probleme erkennen und Lösungen suchen und dann fehlerfrei bleiben.“ Beim Jagdreiten ist es noch keine Frage: „Halbfeste“ Hindernisse gibt es nicht. Dibowski zu dem vermehrten Einsatz von Sprüngen mit dem MIM-System, die bei einer Berührung des Pferdes zusammenklappen (und 11 Minuspunkte bringen – die in Tokio Michael Jung sein drittes Gold gekostet haben): „Ich hasse die! Es entspricht nicht dem Gedanken der Vielseitigkeit, wenn man jetzt nur noch so reitet, dass nichts anstößt. Wir müssen alle lernen vorsichtig zu reiten, aber es geht nicht darum Angst zu haben vor einer Berührung des Hindernisses. Das wird dann Parcoursspringen.“ Zu dem Kurs am Samstag insgesamt: „Ich bin kein Kamikaze-Reiter und versuche gut über alles drüber zu kommen. Das Gelände stellt viele Interessante und unterschiedliche Aufgaben. Für meinen Geschmack gibt es zu viele scharfe Wendungen.“
Interessante Antwort des Profis auf die Frage nach dem richtigen Gebiss, wo Jagdreiter ja oft der Ansicht sind, dass man auf keinen Fall „nur“ mit Wassertrense losziehen sollte. Dibowski reitet seine FRH Corrida seit vier Jahren im Wettkampf auf Kandare, nur im Wettkampf und im Training mit dem hauptamtlichen Dressurtrainer der FN für die Vielseitigkeit, Jürgen Koschel: „Ich hatte selten ein Pferd, das so ledern im Maul ist wie Corrida. Mit der Kandare muss ich nicht kämpfen und sie fühlt sich wohler.“
Am Freitag geht es weiter mit dem zweiten Teil der Dressur. Dirk Schrade hat den ersten Auftritt mit dem Holsteiner Casino um 10 Uhr. Michael Jung startet um 11:07 mit wild Wave und Ingrid Klimke um 14:45 Uhr. Die zweimalige Europameisterin will ihren Titel verteidigen. Wenn ihr das wieder gelänge, wieder mit Hale Bob (der als Jagdpferd in Brochterbeck erste Geländeerfahrung gesammelt hat), dann ist das eine Sensation, die ihr zu gönnen ist – nicht nur wegen der schweren Verletzung, die sie in Polen im Frühjahr erlitten hat bei einem Sturz mit einem Nachwuchspferd.
Text und Foto: Petra Schlemm