Alle heile wieder zu Hause! Nach dem Geländeritt für die Europameisterschaft in Avenches führt das britische Team weiter, jetzt mit 69,1 Punkten vor Deutschland - zurückgefallen auf 78,4 Punkte - und Frankreich mit 96,8 und nur noch drei Reitern. Bruchteile werden entscheiden über den Einzeltitel. Ingrid Klimke war mit ihrem alten Kämpen Hale Bob drei Sekunden zu lange unterwegs und liegt jetzt an zweiter Stelle auf dem Weg zu ihrem dritten Einzeltitel in Folge, mit 21,4 Punkten hinter Nicola Wilson, die bei ihrem Dressurergebnis von 20,9 geblieben ist. Maxime Livio hat sich vorgearbeitet auf den dritten Platz (22,5).
Die Zeit war das große Kriterium. Nur sieben Reiter schafften die Schallgrenze von 10:07, Michael Jung war mit 9:56 als schnellster unterwegs, strafte damit seinen Vater und Trainer Lügen, der vorher gesagt hatte, dass niemand in die Zeit reiten würde. Ingrid Klimke hatte bis zum Sieben-Minuten-Punkt noch gut gelegen, aber fand den Boden gegen Ende zu dann doch zäher als erwartet, wollte auch in den scharfen Kurven nicht zu viel riskieren. Außerdem musste sie auf ihren „Bobby“ hören. „Warte, schneller als jetzt geht nicht“, habe er ihr bedeutet mit seinem kleinen Trippler im letzten Wasser. „Aber als ehemaliges Jagdpferd kann er klein und groß,“ lobte sie den mutigen Braunen, der sie schon zu ihren früheren Titeln getragen hat.
Die Schweizer Gastgeber haben riesig aufgeholt und liegen jetzt an vierter Stelle. Mit 106,5 könnten sie den Franzosen noch gefährlich werden. Neun Starter sind ausgeschieden oder haben zurückgezogen, zwei Stürze nach Ausrutscher auf freier Strecke, einer im Wasser. Insgesamt ließ sich der Kurs besser reiten als vorhergesagt. „Ich wollte, dass jeder mit einem guten Gefühl nach Hause kommt, auch wenn er nicht unbedingt gewonnen oder top platziert war“, hatte sich der Kurs-Designer Mike Etherington-Smith vorgenommen, der auch Luhmühlen baut.
Das deutsche Team hat sich wacker geschlagen. Allen voran Anna Siemer, die sich mit einem Bombenritt von Position 38 auf 15 vorgearbeitet hat. In der Dressur war sie mit ihrer frühen Startzeit noch das „Bauernopfer“ (O-Ton Hans Melzer), aber im Gelände hat sie sich als Pathfinder bewährt. Vier Sekunden über der Bestzeit von 10:07 ist sie im Ziel angekommen, ohne einen Wackler oder Fehltritt. Mit gespitzten Öhrchen flitzte ihre „Mausi“, FRH Butts Avondale über den Kurs. „Das ist es, warum wir hier sind,“ interpretierte die Reiterin ihr kleines von Prof. Volker Steinkraus (HSJV) gezogenes Pferdchen, das sie seit zehn Jahren kennt. „Zweimal habe ich den perfekten Punkt nicht getroffen, sonst hätte ich die Zeit gekriegt.“ Auch die Bodenveränderungen, die anderen Pferden sichtbar zu schaffen gemacht haben, machten ihr nichts aus. „Mit 400 Kilo Lebendgewicht hat sie ja auch eine ganz andere Bodenverdrängung als schwere Pferde.“ Sieben Mal ist Siemer die Strecke abgegangen. Die Daten während ihres Rittes werden demnächst in Warendorf ausgelesen und weiter analysiert. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie mit der Leistungsdiagnostik des DOKR zusammen, jedes Training wird mit GPS und Pulsmesser überwacht und ein Turnierstart sowieso. „Das hat sich echt bezahlt gemacht. Ich habe vor nichts mehr Angst als vor einem müden Pferd im Gelände. Avondale hätte hier noch einen Kilometer mehr laufen können. Sie ist so fit. Das hätte ihr nichts ausgemacht.“
Kontrast dazu Christoph Wahler, mit 28,6 Punkten an achter Stelle: „Die vielen Wendungen – das war harte Arbeit. Es gab keine zwei Minuten einfach frisch zum Galoppieren. Ein Kurs wie Luhmühlen liegt uns beiden deutlich mehr.“ Auch Carjatan S war fehlerfrei, aber zwei Sekunden über der Bestzeit. „Das ist ärgerlich. Das hat mein Pferd nicht verdient. Aber ich habe zweimal zu viel gezogen, das war’s. Er hat einen Riesengaloppsprung und dann nimmt das Vorwärts-Rückwärts viel Kraft.“
Auch Andreas Dibowski hatte gut zu tun unterwegs mit seiner FRH Corrida, aber dennoch ein dickes Kompliment für seine Stute: „Es ist sensationell wie sie reagiert, aber sie macht es sich selber schwer.“ Der Profi aus Döhle in der Lüneburger Heide erklärt das Dilemma: „Am Anfang war sie sehr stark und dann verliert sie an jedem Sprung, weil sie sich so hoch überspringt. Sie nimmt schnell den ganz großen Galopp. Dann brauche ich zu viel Zeit in der Vorbereitung und sie kommt schlecht zurück. Sie steht sich selbst im Weg damit, verbraucht sich schneller.“ Mit 40,8 Punkten auf dem Konto stürzte er von 11 auf 30 und ist derzeit das Streichergebnis im Team.
Dirk Schrade nach einem Vorbeiläufer und entsprechenden Zeitfehlern, schiebt das Missgeschick auf seine Risikobereitschaft am Start: „Ich bin vielleicht zu frech angefangen, immer einen Galoppsprung weniger und hohe Sprünge. Dann kam Casino sehr groß über das Coffin und ich dann ein bisschen zu doll auf die Innenbahn. Aus dem Loch heraus und schräg, da war diese Hecke (4c) dann plötzlich doch sehr hoch.“ Schrade schreibt das Missgeschick der Tatsache zu, dass er sich mit dem großen Schimmel doch noch eher in der Kennenlernphase befindet. Vor nicht ganz einem Jahr hat er ihn von dem künftigen Bundestrainer Peter Thomsen übernommen. ist. „Aber das wird einer für ganz große Aufgaben“, ist er sicher, und die Bilder auf dem großen Rest der Strecke geben ihm Recht.
Michael Jung und der erst neun Jahre alte fischer Wild Wave haben die Kennenlernphase schon lange hinter sich. Auf seinem Dressurergebnis ist er derzeit sechster. Und elf Sekunden unter der Bestzeit – das hat kein anderer geschafft. „Er sieht vielleicht nicht so aus, aber er hat richtig Blut und Ausdauer, ist super gelaufen, in jeder Situation clever und geschickt.“ Zweimal hatte sich der Multi-Meister mit seinem 1,74m-Pferd für den längeren Weg entschieden. Auf die von ihm selbst vorher als „tückisch“ bezeichnete Hecken-Kombination 6/7 – „Der direkte Weg hätte zu viel Risiko für die Mannschaft bedeutet und so viel weiter ist die Alternative auch nicht“ - und auf Sprung 24. „Der Weg um den Zaun herum war etwas länger, aber auf der Außenbahn hält man den Rhythmus besser.“ Viel angenehmer als erwartet erwiesen sich für ihn die unterschiedlichen Bodenverhältnisse mit denen nicht jedes Pferd gut fertig wurde. „Meiner galoppierte auf den gesandeten Stellen wie auf einem Teppich. Die, die da ausgerutscht sind, die meckern natürlich. Das ist eine Frage der richtigen Stollen – und des inneren Zügels.“
Die Aussichten auf Sonntag fasste Klimke am besten zusammen: „Es wird spannend für die Zuschauer und macht Druck für uns. Wir werden sehen, wer die besten Nerven und ein gut springendes Pferd hat.“
Text und Fotos: Petra Schlemm