„Der hätte auch liegenbleiben können“, fand die zweifache Titelverteidigerin Ingrid Klimke im Ziel der Europameisterschaft in Avenches nach ihrem Netzroller-Klotz mit Hale Bob am drittletzten Hindernis im Springparcours. Und das haben sicherlich all die vielen Deutschen unter den Zuschauern in der Schweiz genauso gesehen. Nicola Wilson als letzte Starterin im Parcours besiegelte den britischen Durchmarsch: Team Gold und alle drei Podiumsplätze für Großbritannien. Chapeau, Chris Bartle.
„Man muss das sportlich sehen, die waren wirklich besser“, so Hans Melzer. Mit Silber für die Mannschaft verabschiedet sich der Bundestrainer bei seinem letzten Team-Championat. Noch vier große Turniere, darunter die Weltmeisterschaft der jungen Eventer in Lion d’Angers, dann wird man ihn wieder öfter im Jagdfeld sehen. „Das wird dann entspannter.“ Und für die Fußballfreunde hatte er auch einen griffigen Vergleich parat „Ich übergebe Peter (Thomsen) ja nicht die TSG Hoffenheim – er kriegt Bayern München.“
Drei Reiter unter den Top seven ist ja auch nicht so schlecht: Michael Jung ritt fehlerfrei mit seinem Dressurergebnis auf den vierten Platz (23,9), Ingrid Klimke landete letztlich auf Rang fünf (25.4) und Christoph Wahler beendete die EM als siebter (26.8). Ein Fehler im Einsprung in die Zweifache kostete Anna Siemer die Sensation. Sie beendete das erste Team-Championat im Seniorenlager als 17. „Und dieses Teamsilber hat sie redlich verdient“, betonte der Bundestrainer. Die Mannschaftswertung zeigte ein klares Gefälle: Die Briten stehen mit 73.1 Punkten klar vorne, gefolgt vom deutschen Team mit 86,4 und Schweden auf dem Bronzerang (113,9). Um einen Punkt haben sie die Schweizer auf Abstand gehalten. Frankreich fiel zurück auf Platz fünf.
Die ersten sieben vor dem Springen führenden Einzelreiter lagen weniger als einen Springfehler auseinander vor dem Einritt in den Parcours auf dem Gelände des IENA (Institut Equestre National dÀvenches). Das Springen war zu leicht aufgebaut um noch echte Überraschungen zu bieten. Der Schweizer Parcourschef Gérard Lachat hatte es sehr gut gemeint. Schon unter den ersten 50 Prozent der Teilnehmer, die am Vormittag starteten, blieb die Hälfte fehlerfrei nachdem sich herumgesprochen hatte, dass die Zeit auch hier ein Faktor sein würde. Überlegen in Form hier Dirk Schrade mit seinem Holsteiner Schimmel Casino, gewaltig und souverän springend – was für ein Kontrast zu seinem vorigen Championatspferd Hop and Skip. Auch Andreas Dibowski legte hier schon einmal einen Nuller für die Mannschaft vor. Er knabberte immer noch an seinen Zeitfehlern im Gelände. „Ich hoffe, die anderen bringen das auch so nach Hause, mit mir als Streichergebnis.“ Die britische Weltmeisterin Rosalind Carter, die nach ihrem zweiten Platz in der Dressur mit zwei Verweigerungen im Gelände nach hinten durchgereicht wurde bis auf Platz 49. rückte über den bunten Stangen ihren Status wieder gerade mit einer fehlerfreien Runde. Für Erheiterung hatte der Russe Mikhail Nastenko gesorgt, der „auf halb acht“ durchs Ziel kam – schön für ihn, dass der Sattelgurt sich erst auf der letzten Geraden gelockert hat und nett auch, dass sein Brauner sich von der ungewöhnlichen Gewichtshilfe nicht vom Kurs abbringen lassen hat.
Am Morgen nach dem Gelände waren es nur noch 54 und nach der sonntäglichen Verfassungsprüfung schließlich nur noch 51 Starter für das Springen auf dem Weg zum Europameisterschaftstitel. Das holländische Team nur noch mit Merel Blom und Quizmaster, die Russen nur noch zu zweit, Belgien geplatzt. Die Schweizer noch zu dritt und super fit im Auftreten, die Tschechen bei ihrem ersten Auftritt als Mannschaft in einer Europameisterschaft auch noch dabei.
Die Eventing Szene blickt jetzt bereits nach Boekelo in 14 Tagen. „Siena scharrt sicher schon mit den Hufen nach einer Woche Pause nach Aachen“, so Ingrid Klimke. Wie gewohnt sieht sie nur auf das Positive. „Bobby ist toll gegangen in allen drei Prüfungen und jetzt wo ich weiß, dass eine Null-Runde mir auch nicht den Titel gebracht hätte, dann freue ich mich über das Team-Silber.“
Text und Bilder: Petra Schlemm