Pratoni del Vivaro. Auf ein Neues, vier Jahre nach Tryon in USA wieder eine Weltmeisterschaft der Reiter, dieses Mal nur für die Eventer, nächste Woche die Viererzugfahrer. Die anderen Disziplinen hatten wir ja schon in Herning/Dänemark. Pratoni ist geschichtsträchtig. 1960 Olympische Spiele, 1998 Weltreiterspiele, 2007 eine EM. Danach kam lange nichts mehr und dann wurde drei Jahre lang aufgeräumt. Nicht weniger als 300 alte Hindernisse in unterschiedlichem Verfallszustand mussten weggeräumt werden vor einem Neuanfang. Jetzt ist alles wieder chic und wartet auf den großen Sport.
Weltmeisterschaft Vielseitigkeit in Italien: Natürlich erst einmal Modesache. Verfassungsprüfung. Die deutschen Reiter haben ihren ersten Schock überwunden. Das Team hat die Startnummer 1 gezogen. Also marschieren die schlichten blauen Hosenanzüge als erste auf die Bahn am Rand des Stadions, alle durch. Die Engländer und die Commonwealth-Nationen Australien und Neuseeland mit schwarzem Trauerflor am Ärmel als letzten Gruß an ihre Queen. Die Holländer in quietschorange und die Amerikaner gerüstet für alle Wettergegebenheiten im langärmeliger Rollkragenpullover und Sonnenhut. Naja. 89 Starter werden durchgewunken. Die 90. aus Mexiko stellte ihre 19 Jahre alte Stute aus der Holding Box kein zweites Mal vor.
Pferde und Reiter aus 26 Ländern - das stellte den Organisationsleiter und Kursdesigner Giuseppe de la Chiesa vor einige Probleme. Die obere Spitze reitet auf 5-Sterne-Niveau, andere sehen hier den schwersten Kurs ihres Lebens. Chiesa gibt ihnen Optionen – und Denksportaufgaben. 5600 Meter ist die kürzeste Direkte, 5800 Meter müssen zurückgelegt werden bei den Alternativen. In den 30 Hindernissen, manche davon Komplexe, die einer Buchstabenrallye gleichen. Wer gut überlegt (und das hinterher mit seinem Pferd auch umsetzen kann), der kann das Passende für sich finden. Die einzelnen Sprünge sind mit Buchstaben kenntlich gemacht: Wer über A springt, der muss auf B zielen. Wer sich entschieden hat bei AB anzufangen, der muss sich das Element C vornehmen oder CD wählen. Bei der Sunken Road Nummer 18 könnte man so den Graben sogar auslassen. Dauert aber, natürlich.
Am Mittwoch ist der Geländekurs offen und wird reichlich bekraxelt. Die Hügel hier würde man in Norddeutschland schon als Berge bezeichnen. Das Highlight ist ein steiler Abhang von etwa 40 Metern, der schon 1960 in den Kurs eingeschlossen war. Jetzt stehen da ein dicker Baumstamm und dann unten zwei superschmale Teile. Fitness entscheidet. „Spannend“ findet Bundestrainer Peter Thomsen, der hier das Ganze auch noch als Aktiver kennengelernt hat. Man wird sehen, wie es ausgeht.
Jetzt erst mal Dressur: Christoph Wahler als erster Starter bei seinem WM-Debüt.
Text und Bilder: Petra Schlemm