„Reiten Sie doch einfach mal mit uns!“ Wie bitte? Hinter Bluthunden? Mit der Weser Vale Hunt im Detmolder Land - ohne Zweifel die „privateste“ der privat gehaltenen Meuten in Deutschland? Sofort!
Ganz so schnell ging es dann doch nicht, schließlich müssen fast drei Stunden für die Anfahrt noch einkalkuliert werden, und dann steht Osnabrück (nicht Venedig!) unter Hochwasser-Alarm. Aber letztlich klappt es doch und der Jagdtag am Rittergut Helmern – zwischen Fölsen und Peckelsheim (beides nie gehört vorher) - wird sogar sensationell schön: sonnig, aber kühl. Ein erster Anflug von Herbst liegt in der Luft, aber man klappert noch nicht gleich mit den Zähnen. Nicht oft erlebt man in Deutschland jene so oft beschworene „uncertainty of hunting.“ Diese Spannung: Was wird sein? Wie laufen die Hunde? Laufen sie überhaupt? Wohin? Heute ist so ein Tag. Anders als andere Meuten legt man den Bloodhounds keine Schleppe sondern die Hunde folgen dem Trittsiegel eines Pferdes, eines ganz bestimmten Pferdes, geritten vom „Quarry“ (Beute). Heute sind das Peter Vickery, so weißhaarig wie sein Mecklenburger Schimmel-Wallach mit Großvater Kolibri. Zu den beiden später noch mehr.
Das Meet beginnt in großartigem Rahmen vor dem Rittergut, aber ganz unspektakulär: Der Master Busso Freise und sein Whipper-In (Pikör) Axel Henrich sitzen still auf ihren wie Denkmälern stehenden Pferden, neun Bluthunde schnüffeln stumm und behäbig im Vorgarten von Freifrau Adelheid von Spiegel, die den Betrieb führt und die Jagd im Zweispänner begleitet. Vom Anhänger-Parkplatz im Wirtschaftshof kommen die Reiter des Feldes zu Pferd hinzu: Insgesamt gerade mal neun. „Mehr als 18 sind wir hier nie“, heißt es später. Man stellt sich vor, begrüßt Bekannte – erstes offizielles Meet der Saison, aber an den drei vorhergehenden Sonntagen waren schon „Exercises“ angesetzt, die sich nur dadurch unterscheiden, dass eben nicht in Rot sondern in Tweed geritten wird und die Anforderungen noch geringer sind. Schließlich beginnt der Saison-Höhepunkt erst im November, wenn andere schon wieder einpacken. Gejagt wird je nach Wetterlage noch durch den Februar hindurch und bis in den März hinein. Bis zu 40 Termine im Jahr.
Peter hat sich schon vor geraumer Zeit unauffällig fortgemacht. Let’s go, bedeutet der Master. Hinter den Hunden aus dem Tor hinaus, geradeaus auf eine Eichenallee. Die Blätter sind verfärbt, aber noch nicht vom Herbst sondern von der Trockenheit des Sommers. Auch der Mais, den wir später sehen, steht hier im Bergland noch viel kleiner als in unserer norddeutschen Tiefebene. Viel Zeit für solche Betrachtungen bleibt nicht, denn Rodney tut sich hervor. Der stattliche 50-Kilo-Brocken ist Eleve im ersten Lehrjahr, kam erst mit fünf Monaten aus Holland zu Busso Freise, und die Defizite im Appell sind noch nicht ganz aufgearbeitet. Im Laufe des Tages kann man den Eindruck gewinnen, alle Hunde heißen Rodney. Er ist auf jeden Fall das Beschäftigungsprogramm des Tages, nicht nur für seinen Master, der in voller Modulation der Stimme die ganze Bandbreite drauf hat: vom zärtlich-ermunternden „Roddie.., Roddieee… here“ bis zu einem energischen, alternativlosen RODNEY!!! - „Verdammt noch mal“ hat er nicht gesagt, dazu ist Busso Freise viel zu diszipliniert, aber gedacht wird er es wohl haben. Es klang jedenfalls so.
Kaum aus dem Tor und schon stürmt Rodney los, die anderen bergan gleich hinterher. Der Whipper-In trabt auf dem Asphalt dass die Funken stieben. Irgendwie gelangen alle Reiter durch den Wegsaum aus Gestrüpp auf das neben der Straße liegende Stoppelfeld, und plötzlich ist es sicher: Sie sind drauf! Das Geläut der Bloodhounds kommt wie ein Schock: Aus den tiefsten Tiefen ihrer massigen Körper tönt es vibrierend, aus dem Schlund der Hölle kann es nicht schauerlicher klingen. Ho-uw! Ho-uw! Ho-uw! Das Blut gefriert in den Adern – taut aber schnell wieder auf, denn der erste Anstieg über die Stoppeln hat es in sich. Die Pferde pumpen schon. Gut getarnt hinter einem Hochsitz taucht Peter Vickery mit seinem Schimmel wieder auf. „Good hounds, good hounds!“ Sie haben ihn gefunden und werden entsprechend von allen Seiten gelobt. Kleine Lagebesprechung. Ergebnis: Es war nicht ganz das, was Peter vorgehabt hat – aber die Hounds sind einer Spur gefolgt, die Adelheid von Spiegel mit ihrer Kutsche hinterlassen hat – vor drei Tagen! Vor dem großen Regen!
Jetzt aber mal Konzentration nicht auf Pferde und die Mitreiter, obwohl das spannend genug ist: eine Fuchsstute mit Polo-Vergangenheit wird mir besonders vorgestellt: 34 Jahre alt! In ihrer zwanzigsten Jagd-Saison ist die Dame noch recht munter und genießt ihren „Sonntagsspaziergang“ sichtlich.
Aber was macht denn nun eigentlich der Quarry? Was ist das Besondere an der Arbeit der Bloodhounds, die als die besten Nasen unter den Meutehunden gelten und noch heute bei der Suche nach Vermissten eingesetzt werden? Augen auf! Es reicht eine knappe Verständigung mit dem Master, dann biegt Peter Vickery diskret seitwärts in eine Schneise im Wald oder Maisfeld ein und verschwindet. Fort! Die Hunde und das Feld ziehen ungeachtet weiter ihren Weg. Nach etwa zehn Minuten Schritt plötzlich Bewegung vorne unter den Hunden und dann klingt es wieder: „Ho-uw, ho-uw“. Sie haben eine Spur aufgenommen. Peter hat uns auf einem Parallelweg überholt, für uns unsichtbar vor uns unseren Weg gekreuzt, und die Hunde haben seine Fährte aufgenommen. Jetzt entwickeln die Hunde Tempo. Donnerwetter. Das hätten wir den Schwergewichten nicht zugetraut.
Interessant ist das Meuteverhalten. Während die Packs aus anderen Rassen zwar mit unterschiedlichen Aufgaben aber geschlossen als Team jagen, sind die Bluthunde überzeugte Individualisten und Einzelkämpfer. Man sieht förmlich, wie Otto vor Ehrgeiz glüht und die Spur ausarbeitet, die „Quarry“ Peter mit dem Schimmel hinterlassen hat, während die anderen Meute-Mitglieder dem Schabernack Rodney aufgesessen sind und sich in die Irre führen ließen. Ganz still, ohne einen einzigen Laut, die Nase dicht am Boden, entziffert Otto das Gelände. Das Geläut kommt oft erst, wenn die Hunde sich untereinander im Wettbewerb sehen, erklärt Freise. Otto ist im Jagdfieber, bis er nicht nur Peter entdeckt hat sondern – größte Freude! - auch sein geliebtes Frauchen. Angela Freise ist voll eingebunden in die Arbeit mit den Hunden, aber zur Zeit nach einem nun schon ein Jahr zurückliegenden Reitunfall noch immer auf Krücken und zu Fuß. Die zierliche Person sitzt auf der Wiese und Otto – Höllenhund? Nein wirklich nicht! - würde am liebsten auf ihren Schoß klettern. Gerade noch kann sie ihn abwehren, er würde sie sonst wahrscheinlich platt drücken. Good Hound, good hound….
Die Nase der Bloodhounds ist phänomenal, obwohl der Master heute vergessen hat, die Hunde „zu präparieren“. In stark berittenem oder wie hier befahrenen Gelände reibt er am Stelldichein das Pferd des Quarry mit einem sauberen Lappen ab und hält ihn den Hunden vor, damit sie den Geruch aufnehmen. Aber es geht offensichtlich auch ohne diese Einstimmung. Die einmalige Abweichung auf Kutschwege sei verziehen. Beim ersten offiziellen Meet ist nach vier nicht übermäßig langen Lines Schluss. Später im Jahr werden die Etappen länger und schneller, und es geht auch über Sprünge. Die Meute jagt fast immer auf Privatgelände, das unterschiedlich mit Hindernissen bestückt ist.
Die Hunde haben ihr Erfolgserlebnis gehabt, sind ausgiebig gelobt worden. Das reicht ihnen als Motivation. Die Currée – ob Wild wie in Frankreich, oder deutscher Pansen – entfällt. Unzeremoniell wie in England oder Irland heißt es bei der Weser Vale getreu ihrem historischen Vorbild als von englischen Offizieren gegründetem Pack schlicht „Going home“. Die Hunde dürfen sich ausgiebig abkühlen und vollsaufen an einem Bach, die Pferde ziehen am langen Zügel im Schritt hinterher, zurück Richtung Helmern.
Dort weichen die Reiter allerdings ab vom englischen Vorbild, verlegen sich stattdessen imaginär nach Australien, wo immer noch der lebende Fuchs gejagt wird. Heute ist unter einem Schleppdach eine Picknick-Tafel aufgebaut, die sich sehen lassen kann: Wie in Down Under zelebriert die Weser Vale ihr hunt picnic. Finger food und drinks unterschiedlicher Provenienz, jeder hat etwas mitgebracht, und nach artigem Dank an die Gastgeber lässt man gemeinsam den Tag Revue passieren und verabredet sich zum nächsten Mal. In Gedanken begleitet von Audrey Vickery, Peters Mutter. Die alte Dame sitzt im Rollstuhl, aber hat den Tag mit allen Sinnen miterlebt. An ihrem Revers schimmert eine große antike Brosche. Sie zeigt einen zierlich aus Elfenbein geschnitzten Hirsch. Fiona Vickery trägt ihn wie einen Orden. Nicht zu Unrecht, denn sie ist Former Master der New Forest Staghounds, seinerzeit der einzigen Meute Englands, die auf Damwild gegangen ist. „I miss my hunting“, gesteht sie und ihre strahlend blauen, immer noch jungen Augen verdunkeln sich wehmütig. Wer ihr zugehört hat ist umso dankbarer für das Hier und Jetzt, das wir hinter den Bloodhounds erleben durften. Whyte-Melville hat Recht gehabt: „The best of my fun I owe it to horse and hound.“