Engel haben ein saisonales Problem. An Weihnachten spricht jeder von ihnen und nimmt sie überall wahr, aber im Lichterglanz wird leicht übersehen, dass sie ganzjährig im Einsatz sind und auch an unerwarteten Orten auftauchen. In den Sommerferien bei der Jagdwoche auf Norderney zum Beispiel.
Vor sechzehn Jahren ist dort das Projekt „Foxhounds in Rente“ entstanden, entwickelt von Huntsman Jürgen Böcking und Dr. Hildegard Baums. Der Huntsman war mit der Cappenberger Meute zu den Inseljagden angereist, Dr. Baums vom Ammersee zu Ferien mit Pferd aufgebrochen.
Dr. Baums ist nicht die einzige, die Althunde aufgenommen hat, aber eine der ersten. Es gibt auch andere erfolgreiche Beispiele aus der Cappenberger und aus anderen Meuten. Schleppjagd24 berichtet nicht zum ersten Mal über Integration von Meutehunden in Privathand. Im Folgenden kommt Hildegard Baums selbst zu Wort. Sie lebt inzwischen im Oldenburgischen in einem ländlichen Idyll mit Hunden, Katzen und sechs Lusitano-Hengsten.
Ein Hund aus einer Meute ist doch ein klein wenig anders im Umgang als ein Hund vom Züchter, „aus zweiter Hand“ oder aus dem Tierheim.
Die Foxhounds der Cappenberger Meute beispielsweise dürfen ihren Huntsman anspringen, wenn sie gerufen werden, und werden dafür belohnt. Stubenrein? Gegenfrage: Was ist eine Stube? Nichts annagen – wieso eigentlich nicht? Sofas – kennen wir nicht, aber sieht einladend aus für ein streng riechendes Meutemitglied. Leine? Haben wir seit der Junghunde-Schau nicht gebraucht, braucht Hund das jetzt? Und der allergrößte Unterschied: ein Meutehund war noch nie eine Minute in seinem Leben alleine.
Der wichtigste Rat: Man sollte sich am Anfang ein paar Tage Zeit nehmen - auch ein alter Hans/Hund kann noch etwas lernen. Man darf nie außer Acht lassen: die alten Hunde haben schwere Arbeit geleistet und wurden dafür mit Respekt und Sachverstand behandelt. Also: man nehme ein gutes Lederhalsband und befestige es eng, denn mit dem glatten Fell können sie es sich hervorragend bei Widerstand über die Ohren ziehen, einen Anhänger mit Telefonnummer, dann Leine dran und los. Ich habe die Erfahrung gemacht, am leichtesten ist es mit einem 2. Hund oder mit dem Pferd. Das kennen die Meutehunde. Ich muss aber dazu sagen, ich habe aber auch ein Pferd, dem es egal ist, was oder wer ihm um die Beine wuselt oder wickelt. Wie auch immer: Leine dran und los. Einfach stumpf immer weiter geradeaus. Auch bei massivem Widerstand, wenn der Hund sich hinlegt oder nach hinten zieht, immer konsequent weiter, ohne Wutanfälle, Gebrüll oder Gewalt. Einfach nur immer ein kleines bisschen sturer sein als der Hund, begleitend dazu ein ruhiges „Fuß“ oder „Komm“. Wichtig: den Hund nicht dabei anschauen. Nach fünf Minuten, maximal zehn, laufen sie nebenher. Tüchtig loben und dabei weiterlaufen. Dreimal gemacht, und das Thema An-der-Leine-gehen¬lernen ist durch. Anfänglich dauert es lange, bis der Hund sich an der Leine löst, denn das kennt ein Meutehund nicht. Also Geduld, tüchtig loben, so wie bei einem Welpen auch und nach ein paar Tagen klappt auch dieses Geschäft.
Freilaufen lassen: die Foxhounds sind wildsauber gezogen und jagen nicht, aber deswegen folgen sie von Leine gelassen noch lange nicht. Auch hier üben wie bei jedem anderen Hund: mit der langen Feldleine oder einfach an der Strippe lassen, bis eine genügend starke Personen-Bindung aufgebaut ist. Einen Meutehund am Pferd mitzunehmen ist normalerweise kein Problem. Wir benutzen dazu einen U-förmigen Haken aus dem Segelgeschäft, das U ist mit einem Federstift geschlossen, der über eine Schnur mit meinem Hosengürtel verbunden ist. Dann hänge ich diesen Haken in den „Maria-Hilf-Riemen“ am Sattel an mit der entsprechenden Leine für ein oder zwei oder drei Hunde. Im Fall eines Sturzes sind die Hunde frei, da der Stift sich öffnet und die Hunde freigibt. Niemals einen Hund fest am Sattel anbinden, egal welcher Hund und welcher Reitstil! Auch das wohl erzogenste Pferd kann stolpern.
Man wundert sich, wie schnell sich die Kameraden anpassen. Foxhounds sind unglaublich freundliche Hunde. Wenn sie mich anspringen, drehe ich mich einfach weg und sage ein ruhiges „Nein“. Auch das Verbot akzeptieren sie im Laufe der Zeit. Aber nicht gleich am Anfang Gehorsam einfordern, denn da sollte man sich zunächst darüber freuen, dass der Hund zu einem kommt.
Kennelhunde kennen kein Haus von innen. Im Kennel haben sie ihre Liegepodeste, die im Haus dann gerne mit Stoff oder Leder überzogen sind und Sofa oder Sessel heißen. Wie soll der Hund das unterscheiden? Dem Meutetier seinen Liegeplatz auf einer Decke auf dem Fußboden zeigen und vor dem Sofa wieder ein ruhiges „Nein“ sagen. „Kau-Spielzeug“ wie Brillen oder Fernbedienungen erst einmal außer Reichweite legen, bis die Hunde gewisse Kommandos gelernt haben, zum Beispiel das betonte „Nein“.
Unsere ersten Foxhounds hatten wir noch in einer Doppelhaushälfte mit kleinem Garten. Da hat es uns geholfen, dass wir zwei ihrer Art hatten und dass sie das Auto liebten. So fuhren sie mit zur Arbeit, denn sie stundenlang alleine zu lassen ist mit Meutehunden eine noch schlechtere Idee als mit anderen Hunden, denn sie waren ja bisher nie allein.
Mitlaufen lassen am Auto ist ein umstrittenes Thema. Ich habe die besten Erfahrungen damit gemacht. Die Hunde haben ihre „Hundehütte“ mit dabei und das gibt ihnen Sicherheit. Auch wenn sie mal ausbüxen, laufen sie auf „Ihhhh Fuchs“ doch sehr gut mit dem Auto mit, speziell, wenn sie sich noch nicht so gut anfassen lassen. Dass man einen Hund nicht am Auto anbindet und mit 60 Klamotten durch die Gegend fährt, dürfte ja wohl klar sein!!
Inzwischen haben wir es einfacher. Wir haben ein großes Hofgelände eingezäunt und die „Neuen“ laufen mit alten Foxhounds, die schon „zivilisiert“ sind, und mit einem Hovawart und einem jungen Leonberger, den die Foxe miterziehen.
Was ich an diesen Hunden liebe, ist ihre Freundlichkeit. Sie haben ein erstklassiges Sozialverhalten, so wie kein anderer Hund. Wenn ich mit meiner ganzen Bande unterwegs bin, immerhin sechs oder sieben Hunde, und dann anderen Leuten begegne, dann kann ich schon verstehen, dass speziell die Halter kleiner Kläffer diese dann sofort auf den Arm nehmen und Bedenken haben. Diskutieren ist dann sinnlos. Stattdessen lasse ich meine Minimeute absitzen und gut ist. Auch hat bislang keiner meiner Meutis meine Katzen gejagt. Man respektiert sich.
Wer sich für einen solchen Meutehund entscheidet, trägt eine hohe Verantwortung. Diese Tiere haben Höchstleistung gebracht und noch ein schönes Restleben verdient, d.h. sie leben auch nicht mehr sehr lange. Ein oder zwei oder vielleicht sogar drei Jahre - und man muss sich trennen. Auch ist nicht jeder der alten Kameraden rententauglich. Da muss der Erfahrung des Huntsman trauen. Er kennt seine Hunde schließlich seit sie Welpen waren und kann jeden einzelnen am besten einschätzen. Übernimmt man einen jüngeren Hund, der aus anderen Gründen aus der Meute muss, dann ist es wie mit jedem Jagdhund: Appell üben, Appell üben, Appell üben.
Ich möchte mich hier auch bei Huntsman Jürgen Böcking und der Cappenberger Meute bedanken. Ohne seinen Einsatz und das OK von Lutz Bruns wäre das Projekt „Foxhound in Rente“ nicht zustande gekommen. Und ich möchte ohne meine „karierten Freunde“ nicht mehr sein. Vorige Woche ist Neptun bei uns eingezogen. Er ist bereits der 12. Foxhound zur Rente. Er ist schon voll integriert und genießt sein neues Dasein in vollen Zügen. Und das hat er sich auch verdient!
Text und Fotos: Hildegard Baums