Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und dabei das Nutzererlebnis zu verbessern. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Mehr Informationen

Inzucht als Zuchtform - Pro und Contra

Die Basis von Meutehunden für die Schleppjagd in Deutschland ist naturgemäß sehr klein. Deshalb werden immer wieder Hunde aus England oder Irland hinzugeholt um eine Blutauffrischung zu erreichen. Inzucht kann aber auch gewollt sein, um positive Eigenschaften zu verstärken. Der Hundefachmann Bernd Krewer beleuchtet Pro und Contra in Vergangenheit und Gegenwart der Jagdgebrauchshundezucht.

Nahezu alle unsere Jagdhundrassen gehen in ihren Anfängen auf eine mal mehr mal weniger intensive Inzucht-Auslese zurück. Man paarte Hunde miteinander, die entweder beide die Eigenschaften hatten, die man züchterisch verdichten oder aber beide Merkmale aufwiesen, die man kombinieren wollte. Und dann paarte man die Nachkommen miteinander, bis mehr oder weniger alle dem angestrebten Zuchtziel entsprachen. So jedenfalls ist es in vielen älteren kynologischen Schriften dargestellt und uns überliefert worden.
Bis vor etwa vierzig Jahren war die Inzucht, also die Zucht naher verwandter Individuen, eine bei vielen Rassen praktizierte und durchaus „gesellschaftsfähige“ Zuchtstrategie. Konrad Andreas, einer der großen Kynologen der jüngeren Vergangenheit, hielt anlässlich des 75. Geburtstages des Vereins Hirschmann im Jahre 1969 einen bemerkenswerten Vortrag über die Zuchtgeschichte des Hannoverschen Schweißhundes, dessen Zuchtlenkung bis dahin 46 Jahre in seinen Händen gelegen hatte. Er führte unter anderem aus::
Inzucht, planvoll m i t  D u r c h b l i c k angewandt, festigt nicht nur die erwünschten Eigenschaften, sondern deckt auch in der Erbmasse verborgene Mängel auf. Umgekehrt sind bei kontrollierter, auf Güte und Gesundheit bedachter Zucht Härten oft nicht zu vermeiden. …
Was sagt uns die schönste Ahnentafel, wenn wir die Hunde, die darin verzeichnet sind, nicht selbst kennen oder kannten, nicht wissen, welches Ahnenerbe im Typ, in Wesensart und allen anderen Anlagen der Elternhunde  l e b t !
Ob ein Hund auf einen genealogisch mehrfach verzeichneten Ahn  t a t s ä c h l i c h  eingezüchtet ist – auch das steht außerhalb der Ahnentafel, ermessen kann das nur, wer Ahn und Enkel wirklich kannte und kennt. Nur auf dieser Grundlage und unter Berücksichtigung der Mendelschen Regeln lassen sich züchterische Kombinationen anstellen und Schlüsse ziehen. Alles andere ist graue Theorie.
Nach diesem Vortrag übergab Konrad Andreas das Zuchtbuch für die Hannoverschen Schweißhunde, das er seit 1923 geführt hatte, an seinen Nachfolger Karl Bergien.
Nahezu alle Jagdhund-Zuchtvereine machen heute um die Inzucht einen großen Bogen. Sie sei stets mit dem Verlust von Erbinformationen verbunden und „die Mutter allen Übels“. Dabei produziert die Inzucht niemals aus sich heraus genetische Defekte, sondern deckt lediglich auf, was ohnehin bereits in der Erbmasse schlummerte. Rezessive, also verdeckt mitgeschleppte Eigenschaften werden dann in den Nachkommen sichtbar, wenn beide Elterntiere diese an die Nachkommen weitergegeben haben, diese also dann im Phänotyp sicht- und erkennbar werden..
In den zurück liegenden Jahrzehnten standen bei  Kleemann-Prüfungen (Zuchtausleseprüfung, benannt nach Dr.Kleemann) und IKP`s (Internationale Kurzhaar-Prüfungen) sehr oft Deutsch-Kurzhaar aus dem Zwinger „Hegehaus“ auf dem Siegertreppchen und fast immer erhielten diese Hunde dazu noch vorzügliche Formbewertungen. Die Hegehaus-Züchterin hatte ihre Zucht auf einer sehr engen Inzucht bis hin zur Inzestzucht aufgebaut und das sehr erfolgreich.        
Die von mir aufgebaute Mutterlinie (Hannoverscher Schweißhund) hatte als Stammmutter eine in Österreich gezüchtete Hündin, die im Bereich der vier Ahnentafel-Generationen einen deutschen Rüden dreimal führte. Alle Zuchtpartner dieser Hündin, ihrer Tochter, Enkelin und so weiter (soweit sie in meinem Zwinger diese Mutterlinie fortsetzten) führte ebenfalls Blut dieses Rüden, mal mehr und mal weniger.
Der Wurf mit der höchsten Verdichtung auf das Blut des besagten Rüden war der in Gesundheit und Leistung beste – und sogar einer der erfolgreichsten in der jüngeren Hirschmann-Zuchtgeschichte. Fünf Hündinnen dieses Wurfes erbrachten unter erschwerten Bedingungen eine gesamte „Lebensstrecke“ von 1.200 Stücken Hochwild – allerdings allesamt in den Händen exzellenter Führer.
Manche Zuchtvereine neigen heute dazu, fremdblütige Hunde – vorzugsweise Rüden – in ihrer Zucht zu favorisieren. Das ist jetzt dank der offenen europäischen Grenzen sehr viel einfacher als das vor 1990 war, als die bis dato auch für Hunde nahezu undurchdringliche Ostblockgrenze durchlässig wurde.
Nun mag ein solcher Hund noch so schön und leistungsstark sein, nur selten kann der verantwortliche Züchter oder Zuchtleiter einer Jagdhundrasse auch das verwandtschaftliche Umfeld eines solchen Hundes „durchleuchten“.
Das wäre aber sehr wichtig. Wie gesund sind seine Geschwister, Eltern und näheren Verwandten? Wenn man das nicht vor einem Zuchteinsatz abklären kann, birgt die Zuchtverwendung solcher Hunde unkalkulierbare Risiken. Da würde auch eine „Zuchtwertschätzung“ nicht helfen, da diese ja auf den Informationen des Einzeltieres und seines näheren und weiteren verwandtschaftlichen Umfelds basiert. Der Verein Hirschmann hat dies schmerzlich erfahren müssen, als er sich durch die Hereinnahme tschechischer Hannoverscher Schweißhunde die Epilepsie in seine Zucht holte.
Ein Jagdhund-Zuchtverein kann meinetwegen seinen Vorsitzenden oder seinen Schriftführer alle paar Jahre wechseln, das ist für die Zucht seiner Rasse „unschädlich“. In der Zuchtleitung ist aber Kontinuität gefragt. Nur ein langjähriger Zuchtverantwortlicher kann die Bedingungen erfüllen, die Konrad Andreas in seinen eingangs genannten Zitaten als Grundregeln aufgestellt hat. Nur wer über viele Jahre die Zucht seiner Rasse mit Sachkenntnis und Herzblut gelenkt hat, kann für seine Rasse feststellen (und die notwendigen Schlussfolgerungen daraus ziehen), welche Eigenschaften der Ahnen sich bei den Nachkommen durchgesetzt haben und in diesen weiter leben.    
Es ist aus meiner Sicht allemal risikoärmer, in scharfer Auslese auf dem, dem versierten Züchter bekannten, untereinander verwandtem „Material“ aufzubauen, als züchterisch in großem Stil (als „Zucht-Philosophie“ sozusagen)  nur auf nicht erkennbar miteinander verwandte Hunde  zu setzen. Dies besonders dann, wenn letztere aus dem Ausland kommen und man nur den Phänotyp, nicht aber den Genotyp beurteilen kann. Es ist ein fataler Fehler, Leistungs- und Formwert eines Hundes mit seinem Zuchtwert gleich zu setzen, nur weil man letzteren nicht einschätzen kann. Ein besonders positiv auffallendes Exemplar einer Rasse verdankt diese Eigenschaften möglicherweise der aus unserer Sicht besonders günstigen beziehungsweise glücklichen Kombination der Erbanlagen seiner Eltern, von denen niemand voraussagen kann, ob diese bei Zuchteinsätzen „komplett“ weitergegeben oder infolge der Reifeteilung der Keimzellen bei einem Teil der Nachkommen ausgeschieden werden beziehungsweise sind.   
Vorsicht ist besonders dann angesagt, wenn die übrigen Wurfgeschwister eines solchen sich über das normale Niveau seiner Rasse deutlich heraushebenden Hundes nur „Durchschnitt“ sind.
Überragt aber ein kompletter Wurf in Bezug auf Gesundheit, Wesensstabilität, rassetypische jagdliche Anlagen und Formwert das übrige Niveau seiner Rasse erheblich, dann wäre es wohl ein großer Fehler, auf solche Hunde züchterisch zu verzichten.
Die Inzucht birgt gleichermaßen Risiken wie Chancen in der Hundezucht. In der Hand eines „Durchschnittszüchters“ allerdings kann sie „wie ein Rasiermesser in der Hand eines Affen“ wirken – so ein bekanntes Zitat von Nathusius. Sie um ihrer selbst willen zu betreiben würde ich dennoch nicht empfehlen. Bei Zuchtvereinen, die über eine eigene breite, nicht näher miteinander verwandte Zuchtbasis im eigenen Zuchtverein verfügen, stellt sich diese Frage ja nicht. Bei Rassen mit schmaler Zuchtbasis und verantwortlicher, genetisch versierter Zuchtlenkung kann sie aber ein wertvolles Instrument zur genetischen Stabilisierung erwünschter Eigenschaften in der gesamten Rassenbreite sein. Und in solchen Fällen bleibt ja auch fast keine andere Wahl. Aus meiner Sicht jedenfalls ist die lockere Inzucht einer Zuchtverwendung fremdblütiger Hunde, deren genetische Substanz und das ihres verwandtschaftlichen Umfeldes ich nicht kenne und analysieren kann, vorzuziehen.   
„Bleibe zu Hause und ernähre Dich redlich“ – dieses alte deutsche Sprichwort gilt auch für die Zucht unserer Jagdgebrauchshunde, die ja niemals Selbstzweck sein darf, sondern waidgerechtem Jagen auch in unseren Tagen dienen soll. (Und das darf man wohl auf die Zucht von Meutehunden für die Schleppjagd auf künstlicher Fährte übertragen. Anm. d.Red.)
Text: Bernd Krewer und Foto: Archiv