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Es ist ein Hound entsprungenHenry im Wald allein - eine Weihnachtsgeschichte

Jagdreiten – das ist mehr als schnell durchs Gelände zu reiten und dabei schneidig aussehen. Es bedeutet auch Verantwortung für die Kreatur, die den Reitern und Zuschauern einen schönen Tag bereitet. Hund verloren  - das ist immer Anlass zur Sorge und bedeutet oft viele, viele extra-Stunden Einsatz. Da ist es entschuldbar, wenn mitten in der Nacht gehässige oder gar sexistische Gedanken hochkommen. Ein übernächtigter Jagdherr gibt Einblick in sein Seelenleben, ungetrübt von jeglicher festlichen Stimmung.  

Schleppjagd in Niedersachsen, nahe Neustadt am Rübenberge. Alles gut gelaufen. Fast alles, ein Hund ist auf Abwegen. Die Piköre haben schon fleißig und zunehmend verzweifelt gesucht. Die Stimmung wird gereizt. Der Nikolaus und Reiter sind schon wieder weg – nur der Jagdherr und einige Wenige sind besorgt, ganz besonders die Frauen.

Das ist mir schon immer wieder aufgefallen. Der eigene Ehemann kann mit Grippe und Schnupfen auf der Couch liegen. Das interessiert keine Frau. Aber wenn ein Hund auf Abwegen seinem Jagdtrieb oder welchen Trieb auch immer folgt, dann ist Alarm im Gurkenglas.

Der Master - er möchte Huntsman genannt werden - fuhr die ganze Nacht von Sonntag auf Montag mit seinem Meutewagen in dem Gelände Streife, höchstens mal kurz unterbrochen von einem Nickerchen in der nächtlichen Kälte. Ab und an konnte er einen Schatten erkennen. Oh Henry.

Am nächsten Morgen wurden dem Huntsman Brötchen und heißer Kakao gebracht. Er sah übernächtigt aus. Der Jagdherr hat Henry zweimal gesichtet. In der Nähe des Stelldichein-Platzes, gut zu erkennen in seinem weißen Fell, er stromert am Waldrand auf der Feldkante. Rufen, er bleibt stehen, schnuppert, sieht den Rufer an und zack, taucht er ab ins Dickicht.
Dann auf der Verbindungsbrücke zum Jagdrevier: er kommt dem Jagdherrn entgegen. Rufen, er bleibt stehen, schnuppert, sieht den Rufer an und zack, taucht er ab unter der Leitplanke auf die Brückenböschung, in den Wald. Der verarscht uns.

Jede weitere Sichtung, auch von unbeteiligten Fußgängern oder dem ansässigen Gastwirt verlaufen nach dem gleichen Zeremoniell. Lernt man das auf Gut Schnede?

In der nächsten Nacht wird der Meutewagen an einer von Henrys Fluchtpassagen aufgestellt, im Lkw warten drei läufige Hündinnen in ihren Käfigen als Zugabe und Lockmittel. Welch‘ Luxus, oh Henry.

Doch Henry kam nicht. Irgendwie ein bisschen gestört, der Köter?
Am nächsten Morgen war sogar  der Nikolaus wieder vor Ort, fühlte sich offenbar verantwortlich
für das Schneerener Elend im Tannenbaum-Paradies. Er brachte Brötchen, Kakao, gab gutgemeinte Ratschläge, die wir von diesem Katzenliebhaber dankend annahmen.
Doch dann passierte ‘was: Geballte Frauenpower aus dem Harzer und Münsteraner Umland reiste an. Der Harz brachte eine Falle aus Hildesheim nebst technischem Equipment. Aber zunächst wurden die Hündinnen ausgeführt, Hüftenschwingen wie bei einer  Modenschau in der Pampa.

Die Falle wurde mit tatkräftiger Hilfe der anderen Lakaien im Dickicht eines Wendehammers platziert. Eine Fährte aus flüssigen Anis wurde verteilt, hin zu diesem technischen High-End Produkt, Trockenfutter und eine pastöse Brei-Nahrung in der Falle angehäuft. Die Falle wurde scharf gestellt. Eine Kamera beobachtete das Geschehen und meldete prompt jede Bewegung an eine unbekannte Dame mit sehr rauer Stimme. Wir sollten sie später noch mehrmals nervig vernehmen dürfen.

Sogar Unterstützung aus der Luft erschien. Ein Jäger ließ seine Drohne fliegen, leider ohne nähere Erkenntnisse. Aber wir wussten dann, wo rote Punkte auf dem Kamera Display ihre Ruheräume hatten. Nur der von Henry war nicht dabei.

Immer wieder fuhr der örtliche Jäger unruhig an uns vorbei, auch nicht sparsam mit klugen Ratschlägen. Immerhin sagte er zu, er werde nicht schießen. Da konnten wir aufatmen.
 Am Mittwoch dann wieder Luftunterstützung aus Bremen. Ein Rechtsanwalt aus Verden hatte zwei Drohnen-(Kampf)-Piloten herbestellt, die wiederum (mindestens) fünf Lakaien als Bodentrupp benötigten.
Ach, es wurde immer spannender. Rote Punkte überall, die Sucher mit Walky Talky verbunden.
Aber kein Henry.

Dann kam erneut der Jäger und berichtete von einer Sichtung ganz woanders, etwa zwei Kilometer weit entfernt. Die aktuelle Suche wurde daraufhin irgendwann abgebrochen. Eigentlich im dichten Wald mit Tannen und Kiefern sowieso nicht sehr wirkungsvoll. Egal, wir erfüllen fast alle Wünsche der Frauenpower.

In den dann folgenden zwei Nächten spielten sich aufregende Dinge in der Falle ab: Ein Mäuseporno. Eine Familie hatte sich an Henrys Futtertafel gütig getan. Ein Marder ebenso. Aber der wollte nicht in die Falle, zumindest löste er keine Lichtschranke aus. So haben wir vor Weihnachten den Wald gefüttert. Dem HSJV sei Dank.

Aber diese Verluste müssen natürlich wieder aufgefüllt werden, täglich. Auch lässt die Kamera nach 30 Mäusefilmen an Leistung nach. Dann wieder diese raue Stimme, die doch tatsächlich verlangt dass der Akku ans Stromnetz zum Laden angeschlossen und dann nach drei Stunden - mitten in der Nacht! - wieder in der Falle platziert wird. Hat die kein anderes TV-Programm?

Endlich – am achten Tage nach der Jagd, der Jäger meldet Sonntag Sichtung an seinem Luder-Platz. Am Montag wird die Falle umgestellt. Ein Geländewagen mit Anhänger bringt sie an den gewünschten Platz. Aber mangels Akku-Leistung der Lichtschranke wird die Falle für die Nacht von Montag auf Dienstag nicht scharf gemacht. Trotz zahlreicher weiblicher Telefon-Terror Anrufe mit denen von mir doch ein Einsatz gegen 23 Uhr an der Falle erzwungen werden sollte. Aber ich hatte Gegenargumente: da gibt es Wölfe, und es ist dunkel draußen.
Wenn wenigsten eine der Damen mich begleitet hätte...hätte was werden können. Alles wegen einem weißen Köter.

Am Dienstagmorgen war es denn so weit. Leckeres Katzenfutter wurde in der Falle verteilt, simples Trockenfutter, die Akkus angeschlossen und die weiße Kamera positioniert.

Eine Kontrolle der außen angebrachten Wildtierkamera ergab, Henry war dagewesen, hatte sich in der Falle satt gefressen. Aber dank meines verweigerten Einsatzes konnte er noch mal flüchten. Frauen müssen auch mal zappeln.

Morgens um 10 der erwartbare Anruf. Die Kamera hat nur noch 10 Prozent Leistung. Ladegerät defekt. Ich möge doch sofort hinfahren. Leck mich, dachte ich. Vor nachmittags wird das nix. Frauen können manchmal so nervig sein.

Eine Stunde später der Huntsman:  Henry  sitzt in der Falle. Erste Fotos tauchen über Whatsapp auf. Tatsächlich. Alle Frauen schreien Hurra. Mein Leiden hat ein Ende.

Text und Bilder: Kersten Lieker aus Tannenbaumland