Fast ein halbes Jahrhundert in Rot – seit 1984 Jagdherr und seit gut zehn Jahren Aufbauer in Herrenchiemsee bei einer der bestpublizierten Jagden Deutschlands: Tierarzt Dr. Rainer Grassler kann viel erzählen aus einem Leben mit Pferden in Truchtlaching im schönen Chiemgau. Der Schimmel Port au Prince ist 20, seit 16 Jahren sein Gefährte. Der dunkle Heraldik-Sohn Henry, jetzt acht, steht bereit, die Nachfolge anzutreten.
Grassler, Jahrgang 1941, ist waschechter Münchner, der das bayerische Umland kennenlernte als die Familie im Krieg ausgebombt wurde. Sechs Jahre hat er als „Steppke“ in Altenmarkt gelebt, ging erst nach München zurück für Abitur und Studium. So kam er aus einem pferdelosen Elternhaus auch an das, was später seine Passion wurde, in der Reitschule der Universität. „Meine Eltern haben mir keine Steine in den Weg gelegt, aber immer gesagt, ich soll zusehen wie ich klarkomme, wenn ich unbedingt reiten will – und das habe ich auch gemacht.“ Fuchsjagden gab es damals bereits, „aber ein Leihpferd kostete damals schon 50 Mark und da ist man als Student dann doch schnell am Ende seiner Möglichkeiten.“
Die erste Jagd im Norden Anfang der 1960er Jahre bei der Niedersachsenmeute. Das war allerdings eher ein Erlebnis zum Abgewöhnen. Grassler besuchte seinen Lehrtierarzt in Kirchwalsede, Dr. Eberhard Bahlau, großer Jagdreiter, Anhänger der Niedersachsen-Meute. Der Besucher wurde beritten gemacht mit einem Holsteiner-Wallach von Bekannten. „Kuddeldaddeldu hieß der.“ Wie könnte man so etwas vergessen? Eine Woche vor der Verdener Jagd wurde das Pferd krank. Grassler hatte zwar kein Königreich, aber er hätte eines gegeben für ein Pferd für die Jagd. Bahlau sprach mit einem ihm bekannten Pferdehändler. „Wie, aus Bayern kommt der? Der kriegt ein Pferd von mir!“ Der Unterton in der Stimme des Niedersachsen hätte stutzig machen können. Noch am Vorabend der Jagd nur beschwichtigende Zusagen, aber kein Pferd in Sicht, geschweige denn zum Probereiten. Am Jagdtag war dann doch ein Pferd da: Ein krummbeiniger Vollblüter. Grassler: „Na ja…“ Aufsteigen beim Pferdehändler auf dem Hof, mit den Söhnen zum Stelldichein geritten. Die ersten Schleppen war „der Bayer“ doppelt so schnell wie die anderen, trotz riesiger Regiments-Volten und deutlichem Abbremsen vor jedem Sprung. „Da hatten die anderen etwas Gelegenheit zum Aufschließen.“ Bei der Pause lange Arme und wenig Freude. Aber aufgeben? „Nee, das ging irgendwie nicht.“ In der zweiten Hälfte lief es mit dem Pferd dann erträglicher. „Wie einer, der etwas frisch aus dem Stall kommt, und dann hat es auch angefangen Spaß zu machen.“ Hinterher stellte sich heraus, dass der Pferdehändler das Tier erst am Freitag direkt von der Rennbahn gekauft hatte. „Dafür ging es irgendwie doch ganz gut.“
Die erste Assistenzarzt-Stelle 1967 in Prien am Chiemsee, zwei Jahre später Selbständigkeit in Truchtlaching. Reitunterricht in Ising und auf der Herreninsel, wo Kutschpferde auch zum Reiten genutzt wurden. Die Reitlehrerin war Dagmar Krech, die im Süden einen großen Namen hat. Das erste eigene Pferd, eine dreijährige Westfalenstute aus Borken von einem Tierarztkollegen, der sich selbständig machte und dazu kein Pferd gebrauchen konnte. Plattfüße – ohne Eisen ging da gar nichts. „Das wäre nicht förderlich für ein Jagdpferd.“ Die Stute wurde 18, brachte zwei Fohlen und eine „Passerin“ ins Haus, trächtig über Telefon aus Holland gekauft, denn Grassler wollte anspannen. Die Stute „taugte nicht viel“, umso mehr aber ihr Sohn Amadeus, ein Halbblüter von African Drum xx. „Der war mein erstes eigenes Jagdpferd, brav, leichtrittig, guter Springer, später Lehrpferd für die Tochter.“ Der nächste, Luggi, „angeblich a Verbreacha“, ist im vorigen Jahr mit 23 eingeschläfert worden.
Bayern war zu diesen ersten Zeiten noch meutefreies Gelände, abgesehen von den Beagles von Siegfried Uttlinger. Als das Cappenberger Süd-Pack auftrat, dauerte es nicht lange bis Grassler den Weg zu Otto Sempell und damit auch Toni Wiedemann fand. Selbst zweieinhalb Stunden Anfahrt zur Hundearbeit schreckten nicht ab.
Die Jagd auf Herrenchiemsee ist das Aushängeschild von Rainer Grassler, obwohl er selbst seine Strecke dort eher als „Kompromiss“ bezeichnet. Dreißig Hindernisse – das widerspricht eigentlich seiner Auffassung wonach Sprünge möglichst naturnah und harmonisch in die Landschaft eingefügt sein sollen. Sind sie auf Herrenchiemsee auch, aber eben eher da, wo die Zuschauer sie einsehen können und nicht dort, wohin der Fuchs verschwinden würde, dem man als Schleppjäger vorgibt folgen zu wollen. Die eigentliche Herausforderung auf der Insel ist die Logistik, Reiter und Pferde und die zahlreichen Zuschauer, zum Teil auf wenig manövrierfähigen Kutschen, zeitgleich und rechtzeitig dorthin zu bringen, wo die „action“ abgeht. Seit einigen Jahren hat er ein Optimum gefunden und dabei bleibt es nun auch. „Es gibt immer mal Stücke, die man aus diesen oder jenen Gründen weglassen muss“. Umso größer die Leistung, auf dieser vergleichsweise kleinen Fläche 20 Kilometer Strecke zu schaffen. Die Hindernisse werden dazu übrigens jedes Jahr neu gebaut. „Wir dürfen das Fallholz der Insel benutzen, aber nach der Jagd wird alles zersägt.“ Das Bauen selbst erledigt ein ehemaliger Mitarbeiter der bayerischen Schlösserverwaltung, der darin sein Hobby gefunden hat. Grassler sagt an, wo und wie die Sprünge aussehen sollen: schön geneigt, mit gutem „Fuß“, der auch aus höherem Tempo eine flüssige Flugkurve erlaubt. Die Herreninsel ist dabei ein Heimspiel für den Tierarzt, der von seiner Praxis in Truchtlaching aus schon die Pferde der Reitschule und aus dem Kutschbetrieb betreute.
Seit 1984 alle zwei Jahre veranstaltet Grassler seine eigene Jagd in Truchtlaching. „Ob das noch lange weiter geht, ist fraglich. Der Maisanbau macht hier alles kaputt.“ Dieses Jahr geht es aber noch. – am 13. November. Überall ist er schon geritten, ganz besonders da, wo man abends nicht drei verschiedene Fräcke mitnehmen muss. „Das ist seine Sache nicht“, sagt seine Frau Edith. Die studierte Lehrerin ist die sprichwörtliche tolerante Tierarzt-Frau, die vom Esel bis zur Ente alles pflegt. Selbst ist sie eine eher vorsichtige Reiterin, aber Mutter in einem pferdeverrückten Haushalt. Der Sohn ist zwar nicht vom Jagdvirus befallen, aber die Tochter dafür umso mehr. „Sie ist ein Opfer der Jagdwoche in Laichingen geworden“, heißt es in ihrem Elternhaus von ihr. Wie bitte? Der Zuhörer vermutet Schreckliches. Nein, gar nicht, sie hat sich da verliebt in einen anderen Jagdreiter, lebt jetzt dort mit dem Mann und den Enkeln und vier Pferden. Die Schwiegertochter reitet ebenfalls. Irgendwie muss das so sein im Haushalt Grassler, wo sieben Pferde auf den Glockenschlag zum Füttern in den Stall kommen und danach wieder ruhig hinausziehen auf ihre Weiden. Unaufgeregt, mit Übersicht, sympathisch - so sind sie alle hier. Sind eben Jagdpferde und Jagdreiter.
Petra Schlemm