Im Vogelsberg war er als „reitender Pfarrer“ bekannt und beliebt, und er hat sich selbst „Das berittene Seelenheil“ genannt. Im 91. Lebensjahr ist Johann Gottfried von Dietze am 17. Mai verstorben. Er war Mitglied in der Taunus-Meute seit 1968.
Als Rittmeister des zweiten Weltkrieges blieb er auch in der Nachkriegszeit den Pferden treu. So reiste er mit seiner Frau Marie-Else in der Kutsche Anfang der 50-er Jahre nach Niedermoos im Vogelsberg an, um dort eine vakante Pfarrstelle anzutreten, die er dann über 30 Jahre bis zu seiner Pensionierung inne hatte. Über viele Jahre nahm er seinen Gemeindedienst häufig zu Pferde oder mit der Kutsche wahr - „35 Kilometer durch das Kirchspiel“.
In der Regel trug der im Krieg schwer verwundete Mann unter dem Talar Reitstiefel.
Auf der Kanzel hatte er sich einen Sattel einbauen lassen, um beim Stehen, das ihm schwer fiel, sich abstützen zu können.
Es ist nicht verwunderlich, dass dieser tatkräftige Mann in der zweiten Hälfte der 50-er Jahre die Gründung des Reit- und Fahrvereins Vogelsberg vorantrieb und für 30 Jahre sein Vorsitzender war. Im Pferdesport war er vielseitig im Einsatz: als Jagdreiter, Turnierorganisator, Ausbilder und Richter. Das alles verband er mit seinen seelsorgerischen Aufgaben, indem er z.B. bei Turnieren einen Gottesdienst abhielt.
Berühmt waren die von ihm jährlich veranstalteten Konzerte in seiner Kirche.
Unvergesslich sind die Vogelsberg-Jagden zum Erntedankfest. Pfarrer von Dietze hielt auch den Gottesdienst für die Jagdreiter und die Hunde der Taunus-Meute ab.
Vom Altar ging es direkt aufs Pferd und er führte das stets große Feld an. Strecke und Hindernisse hatte er selber aufgebaut. Auch seine Frau ist unvergessen, die im Damensattel das Feld mit den vielen jungen Reitern anführte. Sie scheute auch Sprünge nicht. Bei diesen Jagden bezog der Pfarrer nicht nur seine Gemeinde mit ein, sondern begeisterte die Jugend zum Reiten, die in oft riesigen Ponyfeldern die Jagden bunt aufmischten.
Gottfried von Dietze war eines der Gründungsmitglieder, die 1970 das Kuratorium für therapeutisches Reiten e.V. ins Leben riefen. Er war auch vier Jahre Vorsitzender dieser Institution. Als erster probierte er Reha-Maßnahmen an sich selbst aus. Als Folge einer Verwundung in Stalingrad hat er lange nur im Damensattel geritten und nach einer der Beinoperationen setzte er sich schon mit einem Gipsbein wieder auf das Pferd.
Gottfried von Dietze gehörte der Bekennenden Kirche der Evangelischen Kirche Deutschlands an, die sich gegen den Machtanspruch der Nationalsozialisten stemmte.
Er widerstand deren Druck und der Aufforderung auszutreten und wurde deshalb zum Soldat degradiert. Sein Vater wurde nach dem 20. Juli 1944 inhaftiert. Die Fuldaer Zeitung zitiert von Dietze so: „„Ich habe als Reiter gezeigt, dass ich Christ bin. Und als Pfarrer habe ich gezeigt, dass ich reiten konnte.“
Die Erntedank-Jagd 1985 sah Gottfried von Dietze letztmalig als reitenden Pfarrer und Jagdherrn vor dem Feld der Taunus-Meute in Niedermoos. Für seine Verdienste wurde ihm an diesem Tag die Ehrenmitgliedschaft in der Taunus-Meute verliehen.
Selbst mit 90 Jahren saß Gottfried von Dietze in Niedermoos noch im Sattel. Er nahm regen Anteil am Geschehen der Taunus-Meute und unterstützte sie mit aufmunternden Worten und Erfahrungen.
Mit einer Ehrung in der Kirche zu Niedermoos und mit einem letzten Geleit verabschiedete sich die Taunus-Meute in Dankbarkeit von einem treuen Mitglied, Pferdemann, Organisator und Original als reitender Pfarrer.
Dem Ehrenritter des Johanniter Ordens gaben zahlreiche Ritter das Geleit in Niedermoos. Er war Inhaber des Eisernen Kreuzes I. Klasse, des Bundesverdienstkreuzes und der Bundes-Verdienstmedaille sowie hoher Auszeichnungen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung.
Text: Wulf Böhmcker und Wulf R. Otto, Bilder: privat