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Wenn Paul in Hornburg ruft

Es gibt tolle Jagd-Einladungen, ganz wichtige und nicht so wichtige, auf edlem Glanz- oder auf ordinärem Kopierpapier, aufwändig bedruckt oder vielleicht sogar handschriftlich, persönlich oder allgemein, als Drucksache oder  im Internet für alle Schleppjagdbegeisterten zugänglich. Aber es gibt auch eine Jagd, da ist alles anders. Da lädt niemand ein und  trotzdem kommen alle. Seit 54 Jahren schon. Falk König berichtet:

Ich kenne eine Jagd für die es keine Einladung gibt und das schon seit 54 Jahren. So lange weiß „man“, dass Paul Nickel am letzten Samstag im Oktober um 13 Uhr Herbstjagd in Hornburg veranstaltet. Ganz ohne Einladung – und trotzdem kennt jeder Reiter der Region den Termin - auch ohne moderne Medien wie Facebook & Co.



Angefangen hat es 1960 als Fuchsjagd mit 12 Reitern. In den Jahren danach kamen mehr und mehr. Häufig waren es mehr als hundert Reiter beim Stelldichein auf dem Gelände der alten Zuckerfabrik in Hornburg. Auch meine ersten Erfahrungen in Hornburg sind gesammelt während einer Fuchsjagd. Unglaublich viele Reiter und noch viel mehr Zuschauer kamen an diesem recht frischen Samstag nach Hornburg. Damals war die Jagd noch räumlich durch die Innerdeutsche Grenze begrenzt. Hinter Hornburg war die Bundesrepublik zu Ende. Auf dem Weg nach Börßum konnte man den Grenzverlauf deutlich erkennen.  
So ging es von Hornburg nach Börßum, von dort nach Schladen und über Isingerode zurück nach Hornburg. Dazu musste die Oker zwischen Börßum und Schladen gequert werden. Dieses geschah an einer Stelle, wo die Oker vielleicht sechs bis sieben Meter breit war. Die Furt war nur einzeln zu passieren, musste doch, um ins Wasser zu kommen eine steile Kante von zwei bis drei Metern hinab geritten werden. Vor mir waren sich Reiter und Pferde uneins und es kam zum Stau. Damals ritt ich ein ungeduldiges Tier und als nun endlich der letzte Reiter vor mir in der Tiefe verschwand, sprang mein Fuchs von der Kante mitten in die Oker hinein. Das Wasser - gut 60 bis 70 Zentimeter tief - riss dem Pferd die Vorderbeine weg, so dass wir gemeinsam im gefühlt warmen Okerwasser eintauchten. Mein Po und die Kruppe des Pferdes blieben trocken, ansonsten waren wir klitschnass - aber ich saß noch auf dem Pferd als wir wieder aus dem Wasser hoch kamen. Dies ist lange her, etwas 35 Jahre, doch mein Respekt vor der Oker blieb.



Irgendwann kamen dann die Foxhounds der Hessen-Meute dazu, und von nun an wurde Schleppjagd geritten. Die Hessen-Meute legte eine ihrer letzten Schleppen 2008 in Hornburg, In dieser Saison beendete die Meute ihren aktiven Jagdbetrieb. Inzwischen ist sie ganz aufgelöst. Die Lücke wurde durch die  Böhmer-Harrier mit ihrem Master Thorsten Mönchmeyer gefüllt. Seit 2009 ist er immer pünktlich am letzten Samstag im Oktober in Hornburg zum Stelldichein da. Im Frühjahr dieses Jahres wollte sich der Master der Harrier den Termin bestätigen lassen, erreichte Paul Nickel jedoch nicht. Dafür aber Frau Nickel und die hat ihm dann ganz deutlich gesagt, was Sache ist: „Solange Paul lebt und gesund ist, wird es die Jagd geben. Nicht nötig, das zu hinterfragen!“  hat sie ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben.

Hornburg ist etwas anders als andere Veranstaltungen in Deutschland. Nicht nur eine lange Tradition oder seit 54 Jahre unverändert immer der gleiche Jagdherr und ein perfektes Spanferkel nach der Jagd lassen die Reiter zu Paule kommen. Diese Jagd soll einfach allen die kommen Spaß machen - ob gestandener Jagdreiter, Ponykind oder Westernreiter. Hier ist es nicht wichtig, dass das Pferd ein Irish Hunter oder edles Halbblut ist, in Hornburg laufen auch schon mal ein oder zwei Kaltblüter mit. Auch das jagdliche Outfit einiger Reiter ist gewöhnungsbedürftig. Ja und? Paul erhebt nicht den Anspruch auf eine  perfekte oder prächtige Jagd - obwohl er eine wirklich große Jagd veranstaltet. Aber  er hat den Anspruch, dass es Spaß macht. Den hat er ganz bestimmt. Gesprungen wurde mal mehr und mal weniger. Es gab Sprünge in der Ilse, dem Fluss von Hornburg oder den Feuer-Halali-Sprung. Davon sprechen sie noch heute.

Auch andere Abenteuer erwarteten den Jagdreiter. Wegen Hochwasser wurde schon einmal auf der alten Eisenbahnbrücke die Oker überquert. Das ist die einzige Brücke in der Nähe, eine alte Bahnbrücke mit Metallplatten zwischen den Gleisen. Ich bin da einmal drüber geritten, Paul hatte zwar Sand auf die Bleche gekippt, doch wäre ich lieber mit Pferd durch die Oker geschwommen! .Und beliebt ist auch der Stop in der "Werlaburg" (wird seit 2010 wieder aufgebaut), wo im zugewachsenen Burghof Kuchen, Kaffee, Bier und Schnaps gereicht wurden und ganz oben in der Höhe, deutlich über den Pferden, trat eine Gruppe Trommler auf - die Pferde zeigten viel mehr Interesse als wenn dort Jagdhornbläser standen - diese ließen ihre Hörner davor und danach erklingen. Und eins muss auch gesagt werden: Der Kuchen - und für mich ganz besonders der Bienenstich! - ist bis heute wirklich unerreicht lecker. Ganz ehrlich: also ein Stück ist davon nicht genug. Irgendwie schafft es Paul auch, dass die ganze Region auf den Beinen ist. Menschen kommen auf Dich zu, die sonst nie etwas mit Pferden oder Reiten zu tun haben, wollen jetzt aber wissen, wie es weiter geht, wo es das Spanferkel gibt oder ob das Kind das Pferd mal streicheln darf und mittendrin Paul Nickel - unverkennbar mit Melone. Zu seiner 50. Jagd saß er noch auf dem Pferd - nicht alles, aber doch viel ist er mitgeritten. Davor ist er immer mitgeritten.



Das Erstaunlichste für mich ist jedoch, dass sich Paul Nickel (Jahrgang 1938)  in all den vielen Jahren, die ich ihn erlebt habe, kaum verändert hat. Vielleicht ein bisschen älter geworden, doch in seiner Art gleich, immer zum Schnack bereit, immer freundlich, immer direkt, immer bodenständig und ohne Allüren  Es gibt immer eine Schleife für den Jagdteilnehmer, gleich zu Anfang, und die trägt man gefälligst am Jagdrock. Es gibt immer eine Tüte mit Möhren und Äpfeln für die Pferde, wenn die Reiter den Bruch in Empfang nehmen. Es gibt immer Spanferkel, und dafür kommt scheinbar die halbe Stadt. So waren bei der 54. Jagd in diesem Jahr sicher 150 bis 200 Leute auf der Stallgasse und im anschließenden Zelt. Die Pferde stehen in sehr offenen Boxen, die Trennung zur Stallgasse erfolgt einfach durch Holzstangen, wie man sie von alten Weidetoren kennt, und die Pferde schauen  dem geselligen Treiben sehr entspannt zu.



Und wenn der Master sich bei allen bedankt und besonders bei dem Jagdherrn, dann nimmt der Jagdherr den Dank herzlich an, freut sich und erklärt, dass ihm der Tag viel Freude bereitet hat, doch dass es ihm am Wichtigsten ist, dass ALLE, die Reiter und die, die nur zum Essen kommen, ihren Spaß haben. Ein wenig bedauert er - und wie ich finde zu Recht -, dass früher alle aus der Umgebung, die ein Pferd hatten, zur Hornburger Jagd kamen, aber heute viele Pferdemädels lieber streicheln und das Pferd sicher im Stall halten anstatt es zu satteln und zu reiten, damit sie und das Pferd mal Spaß haben. Ergänzend hierzu bleibt anzumerken, dass rund um Hornburg fast alle Mädchen und auch viele Jungen das Reiten erst durch Paul Nickel kennen gelernt haben. Auch Jagdreiter sind daraus geworden. In Isingerode – alle zwei Jahre in der Goslarer Jagdfolge dabei – sind Alix Akeston und Wibke Fornahl die  Jagddamen – beide auch aus der Schule von Paul Nickel. Auf seinem Reitplatz muss es unendlich viele Dressur- und Springstunden gegeben haben, und es wird immer noch eifrig trainiert. Olympiasieger hat Hornburg noch nicht hervorgebracht, dafür aber so manchen ordentlichen Freizeitreiter - und nebenbei bemerkt, Papst Clemens II stammt aus Hornburg. Der ist zwar bei Paule nicht geritten, doch wer hat ihn bei der 1000 Jahr Feier von Hornburg hoch zu Ross dargestellt? Genau! Punkte können wir für die richtige Antwort leider nicht vergeben.


 
Ich bin jedenfalls froh, dass ich in der Umgebung von Paul Nickel lebe und dass ich schon vor über 35 Jahren Jagd beim ihm geritten bin und danach immer wieder. Besonders freue ich mich, dass ich einen Menschen kenne, der nun - und ich muss noch mal betonen - 54 Jahre eine Jagd ausrichtet und dieses nur aus Freude an der Sache – einfach nur, weil es ihm Spaß macht, dass wir, die mit reiten dürfen, Spaß haben.

Vielen Dank, Paul, und viele Jahre noch!



Text: Falk König, Fotos: Petra Beinecke

Aus dem Archiv:

Aus alten Fotoalben zusammengetragen sind die nachfolgenden Aufnahmen. Petra Beinecke hat sie bearbeitet. Sie sind zeitlich nicht datiert, aber man kann sehr deutlich erkennen, wie sich der Jagdsport über die Jahre entwickelt hat: Ohne Hut und sogar ohne Sattel manche Teilnehmer in frühen Jahren,  Stangen dünn wie Streichhölzer. Aber Freude hat es immer gemacht und die Pferde haben auch das überstanden.