Little Joe reitet nicht nur zur TV-Melodie von „Bonanza“. Jochen Leber und seine Württemberger-Stute Dorina sind zusammen fast 100 Jahre alt – und noch immer hinter den Hunden unterwegs. Ein Cowboy-Hut der berühmten Marke „Stetson“ bescherte ihm seinen Spitznamen, die Rallye Württemberg widmete ihm die Fanfare „La Solitude“.

Als Jochen Leber vor sehr vielen Jahren mit seinem Freund Egon Krieg, der damals oberster Croupier im Casino von Baden-Baden war, die Schleppjagd in Iffezheim reitet, ahnt er noch nicht, dass er als ein Anderer mit neuem Namen zurückkommt. Leber steuert den Pferdetransporter auf den Parkplatz nahe der Rennbahn, wo ihn ein französischer Soldat in Paradeuniform empfängt. Der Mann trägt weiße Stulpenhandschuhe und schwarze auf Hochglanz polierte Stiefel. Den Stuttgarter Leber hält er für Personal und will ihn auf die billigen Plätze einweisen. „Kein Wunder“, sagt Leber schmunzelnd, „ich bin da in Räuberzivil angekommen.“ Aber Kleider machen Leute und das Missverständnis klärt sich schnell auf beim Stelldichein. Vor dem Verköstigungszelt trifft Leber den Baden-Badener Krieg. Noch bevor die beiden sich ins Jagdbuch eintragen können, haben sie schon ein Gläschen Champagner in der Hand und Häppchen. Die vornehme Umgebung „inspiriert“ die Beiden, und als es an’s Vorstellen beim Jagdherrn geht, nennt sich Egon Krieg leicht hochstapelnd „Egon Max von Baden“. Und Jochen Leber, der kaum 1,70 Meter misst und einen Stetson trägt, wie ihn früher Buffalo Bill und die Cowboys im Wilden Westen aufhatten, bezeichnet sich als „Little Joe“.

Unter diesem Namen wird Leber, heute 83, in süddeutschen Jagdreiterkreisen zur Legende. Wenn der schrille Ton des Rufhorns ertönt und die Hunde die Fährte aufnehmen, ist Leber dabei, in Laichingen, Kempten, Freiburg, Illertissen, Höchenschwand oder rund um Stuttgart. In langen Galoppsprüngen fliegt er über die Hindernisse, die Beine nach vorne, den Arm hoch in der Luft. Die Faszination Jagdreiten erlebt Leber so: „Man bekommt keinen Preis, keine Trophäe. Aber man fühlt sich frei und unbeschwert und ist Teil eines großen Erlebnisses, bei dem sich auch der Zaghafteste schneller ein Herz fasst.“
Leber schließt sich in den 70er Jahren der Cappenberger Meute unter dem legendären Huntsman Franz Jandrey an. „Er hat für die Hunde und die Reiterei gelebt“, sagt Leber über den Altmeister. Er nennt Jandrey aber auch streng und diszipliniert - einen „Kommisskopf“. Als Jandrey es wieder einmal übertreibt, spielen sie ihm einen Streich und malen ihm die Hufe seines Pferdes mit Leuchtfarben an. Das fand der Master, Spitzname „Der Alte“, erst gar nicht lustig, aber hinterher zumindest soll er doch wenigstens geschmunzelt haben. Später, als die Cappenberger ihr Süddeutsches Pack aufgegeben hatten, tritt Leber dem Süddeutschen Hunting Club (SHC) bei. Liebevoll nennt er ihn den „Stuegerter Hundles Club“.
Little Joe knüpft Kontakte zur Vogelsberg-Meute, Niedersachsen-Meute und zum Hamburger Schleppjagdverein. Auf Norderney galoppiert er durchs Meer und springt über Priele. „Das war für uns Süddeutsche sehr exotisch“. So kommen schnell rund 200 Jagden hinter unterschiedlichen Hundemeuten zusammen, auch in Frankreich an der Loire und in Irland. Dort wollte das Feld einst ein Pferch unter Bäumen springen in dem Kühe standen. Der Fieldmaster machte keine Anstalten zu stoppen. Er war sich sicher, dass sich das Vieh verziehen würde, wenn die ersten Reiter in das Quadrat sprängen. „Was soll ich sagen“, erinnert sich Leber. „Der Mann hatte recht.“

Wenn sich Jochen Leber früher unter seinem bürgerlichen Namen zu den Jagden anmeldete, stand in den Gesichtern der Jagdherrschaft oft ein Fragezeichen. Wenn es aber hieß, dass Little Joe mit seinem Stetson auf dem Kopf komme, fingen sie an zu lächeln. Dabei war der Stuttgarter zu Beginn seiner Karriere der „Dressurkutscher“, der allenfalls Jagden ohne Meute ritt.
Das ändert sich erst zu Beginn der 70er Jahre, als er mit seiner Frau Margot und Freunden zu einem Segeltörn auf die Bodenseehalbinsel Höri aufbricht, auf der sie ein Boot liegen haben. Das Wetter ist schlecht, die Gruppe überlegt sich Alternativen. Leber meldet sich zu einem Fahrkurs an. Die Grundkenntnisse hatte er sich vorher bei einem Bauern angeeignet. „Ich dachte, dass Fahren eine feine Sache wäre“, sagt er, „weil ich es gemeinsam mit meiner Frau machen könnte.“ Doch der Kurs fällt aus, der Fahrlehrer ist krank. Leber hört, dass es in Höchenschwand bei Bernhard Porten im Hochschwarzwald Pferde gibt. Porten nimmt ihn mit auf einen Ausritt. Im Anschluss geht es in Höchenschwand auf eine Einladungsjagd. „Von da an hat sich das Jagdfieber bei mir nicht mehr gelegt“, sagt Leber. „Endlich keine Stängeles-Wirtschaft mehr.“ In Norddeutschland würde das heißen: Schluß mit Viereck und bunten Stangen.
Zunächst sortiert sich Little Joe auf Leihpferden hinter den Mastern ein, bis er sich Ende der 70er Jahre entschließt, ein eigenes Pferd zu kaufen. Sein Reitlehrer gibt ihm mit auf den Weg: „Hol‘ Dir keinen Trakehner, das sind Sternengucker. Bei Füchsen hast Du immer Ärger mit dem Fell und den Füßen. Stuten sind zickig.“ Durch Zufall stößt Leber auf Kora – eine Trakehner-Fuchsstute mit Württemberger Brand. „Seitdem bin ich Stuten treu geblieben.“ Nach Kora kommt Tassila, die er den „Panzerwagen fürs Jagdreiten“ nennt. „Sie war ein tolles Jagdpferd, sie ist alles gegangen“, sagt Leber wehmütig. Auf Tassila folgt Loreley und schließlich die Württemberger-Stute Dorina. Seine Frau Margot, mit der er fast 50 Jahre verheiratet war, war gerade gestorben als Loreley eingeschläfert werden mußte. Leber, der zu diesem Zeitpunkt Ende 70 ist, überlegt sich, ob er noch einmal ein Pferd kaufen soll. Selbst die nichtreitende Verwandtschaft redet ihm zu. „Ich kann mir Dich ohne Pferd nicht vorstellen“, sagt einer.
Im April will Little Joe will wieder hinter den Hunden reiten, kurz vor seinem 84. Geburtstag, wenn im Marbacher Gestüt auf der Schwäbischen Alb die deutsche Meutehaltertagung über die Bühne geht. Dann lädt sein Stuttgarter Reit- und Fahrverein, der bis in die 40er Jahre eigene Hunde hatte, zur Frühjahrsschleppjagd hinter der Hardtmeute auf die Alb ein. Leber kannte die Hardtmeute schon, als sie noch aus Beagles bestand und der Master Paul Koffler hieß. Kofflers Nachfolger Gerd M. Klapschus und den angestammten Pikören geht es wie fast allen altgedienten Jagdreitern. Für sie ist Jochen Leber nicht Jochen Leber sondern Little Joe. Ein Augenzeuge erinnert sich an die Marbacher Frühjahrsjagd 2014, als es auf der zweiten Hälfte durch den berühmten „Eichelesgarten“ geht. „Die Hunde werden abgelegt, das Feld macht einen großen Bogen an den Hunden vorbei. Plötzlich galoppiert ein reiterloses Pferd in Richtung Meute und lässt sich gleich wieder einfangen. Joe Leber kommt zu Fuß zwischen den Eichen hervor und nimmt seine Dorina wieder in Empfang. Auf die Frage, was passiert sei, erzählt er: ‚Es ging auf einen Sprung zu, meine Augen sind nicht mehr die besten. Weil ich mir nicht mehr ganz sicher war, habe ich mich lieber vorher aus dem Sattel fallengelassen, damit ich nicht stürze.’ Gutgelaunt und unversehrt setzte er die Jagd fort.“
Immer in Marbach mit dabei: die Bläser der Rallye Württemberg. Mit den meisten ist Leber seit vielen Jahren befreundet. Nach einer Hubertusjagd vor rund zehn Jahren überreicht ihm die Rallye einen Bilder-Rahmen. Er enthält die Noten für die Fanfare „La Solitude“, benannt nach dem Stuttgarter Jagdschloss, das Herzog Carl Eugen von Württemberg im Jahr 1763 baute. „La Solitude“ hat die Rallye Württemberg für Jochen Leber komponiert. Die Fanfare ist in Frankreich genehmigt und wird dort auf Jagden geblasen. Die historischen Wege auf den Spuren des Herzogs sind Lebers Ausreitrevier. Hier führt er die Hubertusjagden des Stuttgarter Reit- und Fahrvereins als erster Pikör seit Jahrzehnten an. Der Schluss mit einer Reihe von Sprüngen ist immer vor dem Schloss, wo die Rallye Württemberg „La Solitude“ bläst. In den Wäldern ist eine Galoppstrecke nach Leber benannt – der „Leber-Gedächtnisweg“. Der ist aber ausnahmsweise nicht Little Joe gewidmet sondern seinem Vater Alfred – auch ein engagierter Reiter, selbst wenn er sich nicht Ben Cartwright nannte.

Zur Person
Jochen Leber, Jahrgang 1932, in Stuttgart geboren. Hier macht er Abitur, bevor er Zahnmedizin in Karlsruhe studiert. Er übernimmt die Praxis seines Vaters und baut sie aus. Sein Wissen ist selbst auf Jagden gefragt. Zweimal muss er Reitern das Haftmittel Prothefix reichen, damit das Gebiss an seinem Platz bleibt. Im Jahr 2000 geht er in den Ruhestand. Jochen Leber ist Witwer, nachdem er 48 Jahre lang mit seiner Frau Margot verheiratet war.
Text: Philipp Schneider und Fotos: Thore Brockhoff (2) und privat