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Englische Jagdstiche

Was hat das Billardspiel  mit Jagdreiten zu tun und wie sie so arbeiteten, die Pferdemaler früherer Jahrhunderte. In der weitgehend jagdfreien Zeit kann man sich auch mal mit Hintergrund des Sports beschäftigen. Der tröstliche Fund dabei: Oft waren die Künstler Menschen „wie Du und Ich“. Wir bringen einen Beitrag über das, was bei vielen Jagdreitern an der Wand hängt.

Es ist kein Zufall, dass das englische Königshaus auch in der Reihe der Rennstallbesitzer vertreten ist, denn in England wird seit Jahrhunderten gerade auf dem Gebiet des Pferdesports eine in allen Volksschichten tief verwurzelte Tradition gepflegt. Die englischen Herrscher haben sich seit eh und je mit Pferdezucht beschäftigt, und ihrer Initiative ist die Entstehung des englischen Vollbluts zu verdanken. Dem Engländer ist ein besonderer Sinn für Rasse und Leistung eigen. Seine Insellage hat ihm fremde Einflüsse ferngehalten und ihn dadurch befähigt, sich ganz auf sich selbst konzentrieren zu können. Sein way of life war in allen Volksschichten eine Selbstverständlichkeit und gipfelte in dem Begriff des Gentleman, von dem eine in England preisgekrönte Definition folgendes aussagt: „Gentleman ist jemand, der innerlich und äußerlich sauber ist. Er erniedrigt sich nicht vor den Reichen und verachtet nicht die Armen. Er versteht zu verlieren, ohne schlechte Laune zu bekommen und zu gewinnen, ohne arrogant zu werden. Er benimmt sich mit Ritterlichkeit Frauen und alten Leuten gegenüber, und er ist liebevoll zu Kindern. Er ist zu stolz, um zu lügen, zu großherzig, um jemandem eine Falle zu stellen, zu rührig, um ins Nichtstun zu verfallen. Er geht auf umsichtige Weise mit den Dingen um, die ihm gehören, und er lässt die anderen Leute in Ruhe, wenn sie sich friedlich mit  den ihrigen befassen.“
Diese Maximen fanden auch im englischen Sportsleben Anwendung. Man kämpfte mit Fairness um den Sieg, der der besten Leistung neidlos zuerkannt wurde. Dieser Sportsgeist gehört zum englischen Volkscharakter und erklärt die enge Verbundenheit des ganzen englischen Volkes mit dem als Nationalsport angesehenen Pferdesport. Bei Schaffung des englischen Vollbluts haben die ursprünglich nur zur Ermittlung des schnellsten Pferdes dienenden Zuchtrennen eine wichtige Auslesebedeutung gehabt. Nicht minder bedeutsam waren im englischen Pferdesport die Jagdrennen.
Jede Landschaft besaß ihre Meute, mit deren Hilfe jährlich mehrere Jagden veranstaltet wurden, bei denen lebendes Wild, besonders Füchse, gehetzt wurden. Zu diesen Jagden, deren Termine feststanden, erschien wer wollte, ohne dazu offiziell eingeladen zu werden. Schon frühzeitig entwickelte sich eine besondere Art des Rennreitens, bei der an die Teilnehmer hohe Ansprüche an ihr reiterliches Können gestellt wurden. Es galt, auf geradem und direktem Weg ein vorher ausgemachtes Ziel am Horizont – einen Kirchturm oder einen hohen Baum – schnellstens zu erreichen. Dabei mussten jegliche natürlichen Hindernisse gesprungen werden. Die englische Wettleidenschaft hat viel dazu beigetragen, dass auf solchen „Kirchturmrennen“ die unglaublichsten Sprünge riskiert wurden. Daher verlangten diese Rennen von Pferden und Reitern einen immensen Grad von Härte.
Die härteste Rennveranstaltung mit den schwersten Bedingungen – die Grand National Steeple Chase in Liverpool – führt über eine Strecke von 7.200 Metern mit halsbrecherischen Hindernissen. Sie wird seit 1836 in England wie ein nationaler Feiertag begangen. Bis auf den heutigen Tag hat sie bei der Gesamtheit der Nation ihre große Beliebtheit unvermindert beibehalten.
Das alles zu wissen ist wichtig, wenn wir die Frage beantworten wollen, warum gerade in England eine ganz spezielle Pferdemalerei, bekannt unter dem Namen „Englische Jagdstiche“ eine so enorme Verbreitung gefunden hat.


Als Stammvater dieser Kunst gilt der Engländer Francis Barlow, weil von ihm der erste je bekannte Rennstich im Jahr 1687 geätzt wurde, auf dem König Charles II. seinem letzten Pferderennen beiwohnt. Dieser Stich ist also auch als Bilddokument eines der frühesten planmäßigen Pferderennen von großer Bedeutung. Barlow hat im folgenden 18. Jahrhundert eine Menge Nachfolger gehabt, von denen die Arbeiten von John Wootton (1687 – 1765) und Peter Tillemans (1680 - 1734) sowie die Jagdszenen des Malers James Seymour ((1702 – 1752) von feiner Qualität sind, sowohl in der künstlerischen Komposition und Technik, als auch in der zum Ausdruck gebrachten gutfundierten Kenntnis des sportlichen Lebens.
Mit George Stubbs (1724 – 1806) setzte die eigentliche Epoche der englischen Jagdmalerei ein. Mit Leidenschaft beschäftigte er sich mit der Anatomie des Pferdes, sezierte unzählige tote Pferde, die er nicht selten – er war ein Riese von Gestalt und mit unheimlichen Kräften ausgestattet – auf seinem Rücken in den Seziersaal schleppte. So haben seine anatomischen Studien am Pferd ihm bei seinen Pferdedarstellungen großen Nutzen gebracht, und er ist der erste Künstler gewesen, der nur das gemalt hat, was er wirklich sah und der die Zusammenhänge von Knochenbau und Muskeln aus seinen Studien genau kannte.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts spezialisierten sich immer mehr englische Maler auf das Gebiet der Jagdmalerei. Viele von ihnen stachen ihre Bilder selbst, aber die meisten ließen sie von namhaften Graveuren zur Vervielfältigung in Aquatinta, Mezzotinto oder Schabtechnik (die von besonders warmer Samtwirkung war) in Linienstich oder Kaltnadelarbeit ausführen. Man wertete die ausführenden Graveure ebenso hoch wie die erfindenden Maler. In der Blütezeit des englischen Jagdstiches, die auf einen Zeitraum von 130 Jahren bis ungefähr zum Jahre 1860 angesetzt wird, haben 150 Graveure von Ruf die zahllosen Blätter von 60 bedeutenderen Sportmalern in mühsamer Arbeit und großen Quantitäten vervielfältigt und den unersättlichen Markt damit beliefert.
Von künstlerisch besonders hochwertigen Malern müssen wenigstens noch drei erwähnt werden: Morland, Alken und Herrings.
George Morland (1763 – 1804), der bedeutendste von ihnen, ist für die Entwicklung, welche die Sportmalerei genommen hat, typisch. In seinen Frühwerken – mit 15 Jahren stellte er bereits in der Royal Academy aus – besitzt er geradezu Genialität. Diese Bilder gehören zu dem Besten,  was englische Kunst hervorgebracht hat. In seinem Hause wimmelte es von Tieren aller Art, da er seine Modelle stets zur Hand haben wollte. Der verhältnismäßig schnelle Erfolg seines Schaffens machte Morland übermütig. Sein Freund Thomas Rowlandson (1756 – 1827), ein ebenfalls sehr genialer Sportmaler, der später zum berühmteste Karikaturisten auf dem Gebiet der Sportkunst wurde, war Morlands liebster Zechkumpan, Beide führten das ausschweifendste Leben, tranken unmäßig und waren  bald tief verschuldet. Morland hat sich verzweifelt bemüht, aus diesem Dilemma herauszukommen und vervielfachte seine Kunstproduktion ungeheuer. Das ging aber mehr und mehr auf Kosten der einstmals so hohen Qualität , sodass seine späteren Bilder selten einen Vergleich mit seinen so delikaten Frühwerden aushalten können.
Einer, der auch über England hinaus bekanntesten Pferdesportmaler ist Henry Alken (1784 – 1854), dessen Familie eigentlich aus Dänemark stammte und dort Seffrein geheißen hatte. Sein Vater gehörte der dänischen Hofhaltung an. Durch den Skandal bei Aufdeckung der Beziehungen  des Ministers Graf Struensee zur dänischen Königin Mathilde, einer Schwester des englischen Königs Georg III kompromittiert, floh Vater Seffrein mit seiner Familie nach England. Hier wurde Henry geboren. Er wählte sich den Beruf des Sportmalers, der für einen talentierten jungen Menschen sehr verlockend geworden war. Henry Alkens Schaffenskraft muss ungeheuer gewesen sein, denn die Zahl seiner Werke hat sich bis heute noch nicht annähernd schätzen lassen. Er hat nur wenig an Privatpersonen verkauft, sondern seine meisten Blätter direkt an Kunstverlage oder Händler veräußert. Man hat angenommen, dass sich schon zu seinen Lebzeiten Hunderttausende von Drucken nach seinen Werken im Umlauf befunden haben müssen. Umso erstaunlicher ist deshalb die Tatsache, dass dieser selten fruchtbare Künstler in Not und Armut gestorben ist. Was seine Blätter bemerkenswert macht, ist einmal ein zartes Kolorit und seine intuitive Begabung, Bewegtheit und den konzentrierten Augenblick festzuhalten. Dazu kam noch ein unvergleichlicher Sinn für Humor und Komik, die seine Blätter überaus populär gemacht haben. Dabei soll er im privaten Umgang das gerade Gegenteil davon gewesen sein, bärbeißig und schroff. Vielleicht war das nur die Maske, mit der er sich vor der Welt für sein Werk abschirmen musste, das seinen Mitmenschen eine Quelle steter Heiterkeit wurde und wohl immer mit fröhlichem Genuss betrachtet werden wird.


Der letzte in der Reihe berühmter englischer Pferdemaler war J.F.Herrings (1795 – 1865). Herrings Stärke waren die glänzenden Pfedeportraits, von denen er mehrere Folgen mit St.Leger- und Derbysiegern in Aquatinta-Manier herausgab. Seine Pferdebilder sind meisterhaft gemalt, doch sind sie als Abbilder und Erinnerungsstücke wertvoller und berühmter Pferde hauptsächlich für den Züchter und Besitzer interessant. Das Pferd in Bewegung hat Herrings seltener dargestellt, und solchen Jagdszenen haftet eine gewisse Steifheit an. Obwohl Herrings sich viele Jahre einer Kutsche bediente, soll er, wie berichtet wird, Kutschgespanne niemals gemalt haben. Er galt überhaupt als Sonderling und als völlig humorlos. Dennoch wirken seine Pferdebilder äußerst bestechend in ihrer vielleicht etwas kühlen, doch vornehmen Art. Als nach seinem Tode sein letztes Werk – eine Folge von Fuchsjagden – im Jahr 1874 im Druck erschien, war damit gewissermaßen der Endstrich unter ein so überaus fruchtbares und anfangs auch qualitätsmäßig gutes Spezialgebiet der englischen Kunst gezogen.
Durch die verschiedenen Druckverfahren war eine kommerzielle Auswertung der englischen Jagdstiche von vornherein gegeben. Da die Nachfrage ständig stieg und sich auch immer neue Verlage bei diesem lukrativen Geschäft einschalteten, ließ naturgemäß auch bei den berühmte4n Künstlern die Qualität allmählich nach. So wurden die Jagdstiche zuletzt zu Massenartikeln, um dann plötzlich in der bisher gewohnten Manier aus der Mode zu kommen. Das Interesse des Publikums an Darstellungen aus der Sportwelt, besonders aus dem Turfleben und der so speziell englischen Jagdreiterei hörte jedoch keineswegs auf. Witzblätter wie der „Punch“ bemächtigten sich dieses Themas und erfreuten ihre Leser durch ironische Zeochnungen von Sonntagsreitern und schwergewichtigen Ladies im Sattel. Um die Jahrhundertwende trifft man auch in England auf zeitkritische Strömungen, wie sie auf dem Festland gang und gäbe sind. Dafür bieten die vier Aquarelle des 1877 geborenen Malers, Buchillustrators und Pressezeichners Lionel D. Edwards ein gutes Beispiel. Seine 1903 gemalte „Cuetown Hunt“ schildert in humorvoller Weise unter Anwendung von Fachausdrücken des Billardspiels, die hier auf die Jagdreiterei umzudeuten sind, komische Situtionen einer solchen Reitjagd. Wir bringen die Unterschriften dieser vier Bilder im englischen Originaltext, der – da er Figuren oder Stellungen beim Billard bezeichnet – nur schwer zu verdeutschen ist. Der Sinn ist folgender: Beim Ritt zum Rendez-vous „schneidet man die Geistlichkeit“. Im Jagdfeld „führt ein Schecke“. Mitten im vollen Lauf „fällt ein Domherr vom Schimmel“. Und zum Schluss muss die „Partie“ bezahlt werden.

Text aus dem Band VII der Bücherreihe Kavalkade, „Auf hohem Ross“ von Richard Keller
herausgegeben von Hans-Joachim von Killisch-Horn, erschienen im Kornett-Verlag, Verden/Aller, 1958